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Zwei Schuhkartons mit alten Fotos und fast 200 Postkarten und Briefen fallen Gabriel Heim nach dem Tod seiner Mutter in die Hände - und lassen ihn das Lebensdrama seiner Mutter und seiner Großmutter begreifen. Die Geschichte der beiden Frauen erzählt er in einem berührenden Buch.
Zwei jüdische Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können: Ein normaler Generationenkonflikt im Deutschland der 30er Jahre. Marie Winter ist wilhelminisch erzogen, preußisch geprägt. Tochter Ilse ist modern und emanzipiert. Von ihrer Mutter will sie sich abnabeln.
Ilses Sohn Gabriel Heim erfährt davon, als er die 170 Briefe findet, die seine Großmutter Marie an Ilse schreibt. In seinem Buch rekonstruiert er das schwierige Verhältnis beider Frauen - und begreift, dass die komplizierte Mutter-Tochter- Beziehung in Nazi-Deutschland zu einer Frage über Leben und Tod wird - lange ein Familiengeheimnis.
Gabriel Heim, Schriftsteller
"Ich war 14, als ich in der Wohnung meiner Mutter einen Karton gefunden habe, der voll war mit Briefen und Fotos, und die Briefe konnte ich nicht lesen, die Menschen auf den Bildern kannte ich nicht, aber es hat mich sehr verstört, weil ich ahnte, dass da noch ein Leben hinter dem Leben steht, das ich von meiner Mutter nicht kannte. Und am nächsten Tag war alles verschwunden."
Das Geheimnis im Karton lüftet sich für Gabriel Heim erst nach dem Tod der Mutter 1999. Überraschend erfährt er auch, dass seine Großmutter Marie lange in der Berliner Landhausstraße 8 lebte. Während Tochter Ilse Berlin schon 1934 verlässt - als überzeugte Kommunistin und Jüdin fühlt sie sich vom braunen Terror bedroht.
Ilse emigriert in die Schweiz. Basel wird ihr neues Zuhause und ihr Verehrer, der Großindustrielle Alfred Heim, ermöglicht ihr ein luxuriöses Leben - auch das lässt sich in ihren Notizbüchern nachgelesen.
Aus Berlin schickt die Mutter wöchentlich Briefe an Ilse. Ihr Tonfall wechselt von Zuckerbrot zu Peitsche. Ilse soll endlich heiraten. Die Mutter ist überzeugt, eine Ehe mit einem Schweizer ermöglicht ihr die Flucht aus Nazi-Deutschland. Sie schreibt vorwurfsvoll:
Gabriel Heim, Schriftsteller
"Alles Widerwärtige und Schwere, das ich hier allein bekämpfen muss, wollte ich in Geduld ertragen, wenn ich durch Dein Leben ein Ziel hätte. Wofür? Der ganze Krempel, den Du Dir da gestaltet hast, ein Kartenhaus."
Doch Ilse denkt nicht dran zu heiraten. Sie ist attraktiv, hat Affären: mit ihrem Professor Edgar Salin. Später mit dem Japaner Hiroshi Kitamura.
Ilses Mutter ist immer noch in Berlin und zunehmend in Gefahr. In ihren Briefen vergleicht sie ihr Leben mit einer Maus, die gerade ertränkt wird. Die Tochter ist wenig berührt, lebt weiter ihr glamouröses Leben. Für ihre Mutter tut sie kaum etwas.
Gabriel Heim, Schriftsteller
"Für mich war zu Beginn der Arbeit die Schuldfrage sehr im Mittelpunkt, und ich glaube, dass ich doch Ilse eine Schuld gegeben habe, ihre Mutter nicht gerettet zu haben."
Marie Winters Antrag auf Einreise und Aufenthalt in die Schweiz wird 1940 abgelehnt.
Zwei Jahre später: Die Jüdin Marie Winter soll sich in Moabit zur Deportation melden. Doch sie flüchtet. Sie fährt mit der Elektrischen in die Lützowstraße. Zwei Wochen lang versteckt sie sich unter dem Dach.
Ihre letzte Postkarte an die Tochter schreibt sie im April 1942. Ilse versucht dann doch noch ihre Mutter in die Schweiz zu holen, doch die Flucht misslingt. Marie Winter wird deportiert. Ilse hat es lakonisch in ihr Notizbuch eingetragen: Muttis Deportation.
Gabriel Heim, Schriftsteller
"Nachdem ich Ilses Notizbüchlein und die Briefe miteinander in einen zeitlichen Ablauf bringen konnte, hat sich die Schuldfrage nicht mehr ergeben. Es war das Leben einer jungen Frau, das sie leben wollte, und dass sie nicht anders leben konnte, und sie hat letztendlich, auch wenn sie spät versucht hat, das Leben ihrer Mutter zu retten, sie hat vielleicht Tragik erhalten und deshalb auch hat sie es Zeit ihres Lebens verschwiegen."
Ein Schweigen, dass erst der Sohn von Ilse, Gabriel Heim, durchbrechen konnte - und in einem sehr intimen und aufwühlenden Buch aufgearbeitet hat.
Autorin: Margarete Kreuzer







