Hand mit Schallplatte (Quelle: rbb)

- 'Nachtleben Berlin - 1974 bis heute'

Das Berliner Nachtleben gehört zu den aufregendsten der Welt. Die große Party hat jedoch nicht erst mit dem Mauerfall anfangen. Ein neues Buch erzählt jetzt vom Berliner Nachtleben der letzten vierzig Jahre.

Berlin im Kalten Krieg. Eine Stadt der Mauern und Paraden. Zwischen all den Drohgebärden bleibt viel Platz für Weltenbummler, Wehrdienstverweiger und Weltstars, die in den 70ern nach Westberlin kamen, auf die "Insel der Träumer": Dawid Bowie, Iggy Pop oder Romy Haag.

Hagen Liebing, Musikredakteur

"Berlin war bestimmt was Besonderes für einen Ausländer, für einen Engländer wie David Bowie. Das Schöne aber war, glaube ich, dass er hier seine Ruhe hatte. Der kam hier in Clubs und man hat ihn erkannt, wir haben ihn erkannt, aber haben ihn nicht belästigt."


Hagen Liebing ist in den West-Berliner Clubs groß geworden, Läden wie dem legendären SO36. In den 80ern wird er Bassist bei den Ärzten.

Hagen Liebing, Musikredakteur

"Die ganze Kultur brach auf, die Instrumente wurden lauter, die Instrumente wurden elektrifiziert und die Menschen zogen in dieses schmuddlige Arbeiterrevier Kreuzberg, wo vorher eigentlich keiner da war als Student."

Alles ist erlaubt, alle probieren sich aus. Die "Einstürzenden Neubauten" spielen auf Instrumenten aus Schrott. Gegenkulturen machen sich in Kellern, stillgelegten Fabrikhallen oder umfunktionierten Eckkneipen breit. Es gibt Drogen, und Trash-Partys, Punk und sexuelle Orientierungssuche mit Szene-Bars für Schwule und Lesben.

"Die Ärzte" drehen ihr erstes Musikvideo.

Hagen Liebing, Musikredakteur
"Als die Ärzte begannen, da waren sie die außergewöhnliche Punkband, weil die waren witzig, sie hatte deutsche Texte und sie waren eigentlich originell."


Hagen Liebing, Musikredakteur
"Meine Szene war die Musik, und die hat sich aber natürlich, wenn man heute einen großen Überbegriff raufstülpen will, getroffen aber auch mit der Schwulenkultur, mit den Transen usw. Aber da hat wirklich jeder sein eigenes Süppchen gekocht."


Die West-Musik wird auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gehört. Große Konzerte vor historischer Kulisse.

Im Osten wird nach Gorbatschow gerufen und Punks wie Ronald Galenza rütteln an der Mauer.

Ronald Galenza, DJ & Autor
"Punk ist zum Beispiel durch die Mauer über den Äther eingereist. Das war nicht zu stoppen natürlich. Und wir haben schon immer auch gehört, was machen die Leute da drüben. Da gab es so das Atonalfestival mit lauter schrägen Bands. Und wir waren relativ sehr gut informiert in Ost- Berlin."


Ronald Galenza hat im Osten Punkmusik gemacht, bekannt wurde er als Texter des DDR- Hits "Er will anders sein".

Ronald Galenza, DJ & Autor
"Du lebst ja in der Jetztzeit und kannst nicht warten, die Aussicht war ja, du bist Rentner, dann darfst Du den 'Goldenen Westen' sehen. Das hat uns gar nicht interessiert, wir wollten jetzt Bambule machen in der Stadt, zu den Bedingungen, die da waren."

Eine aufsässige Jugend rebelliert gegen die Zwangsjacke der Einheits-Ideologie. Die Staatsmacht kann dabei nur noch zusehen.

Im Osten entsteht eine ähnlich bunte und schillernde Szene wie im Westen. Als Droge gibt es allerdings nur Alkohol. 

Was Ronald Galenza und Hagen Liebing auf beiden Seiten der Mauer erlebten haben, steht jetzt im Buch "Nachtleben". Wolfgang Farkas, Heiko Zwirner und Fotografin Stefanie Seidl haben bekannte und unbekannte Geschichten von Künstlern, von Literaten, Musikern und Schattenexistenzen zusammengetragen.

Ronald Galenza, DJ & Autor
"Heute gilt Berlin als Technostadt der Welt oder als Pop-Hauptstadt der Erde. Die Leute kommen mit ihren Easyjet-Dingern und machen hier Party, aber all das hat ja Wurzeln, das kommt von irgendwo her. Das man jetzt mal so eine Brücke schlägt von den Anfängen 1974 bis ins jetzt, bis ins heute."


Nachtleben Berlin: Eine Zeitreise durch eine Stadt, die sich mit schriller Energie immer wieder neu erfunden hat. Über alle Grenzen hinweg.

 
Autor: Hans Sparschuh

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