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Von der Flucht aus Oberschlesien bis zur Zusammenarbeit mit Regisseur Rainer Werner Fassbinder: Die Schauspielerin Hanna Schygulla veröffentlicht kurz vor ihrem 70. Geburtstag ihre Autobiografie "Wach auf und träume". (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.)
Hanna Schygulla, Schauspielerin
"Zufälle sind magisch, finde ich, und dass ich mich gerne von dem leiten lasse."
Wirklich? Ist es der Zufall gewesen, der sie zum Gesicht des jungen deutschen Films, zu Fassbinders Star gemacht hat? Hanna Schygulla hat in über 70 Filmen mitgespielt und mit den großen Regisseuren gearbeitet.
Schon das sie Schauspielerin wird ist ein Zufall. Nach dem Abitur und einem Jahr Paris studiert sie Germanistik und Romanistik, aber es ist ihr viel zu kopflastig.
Hanna Schygulla, Schauspielerin
"Ich wollte irgendwie was anderes und habe darauf gewartet abzuspringen, aber ich wusste nicht wie, was. Und dann war ich eben diese Aushilfskellnerin und habe diesen Laden reichlich durcheinander gebracht. Und weil dieses Mädchen da war und weil ich ihr gleich gefolgt bin, einfach so, ich bin zwei Tage später da gleich mitgegangen, da habe ich dann Fassbinder kennengelernt in eben dieser Klasse."
Die Schauspielschule bricht sie ab - zu viele Proben. Sie steht erst wieder auf der Bühne, als in Fassbinders erster Inszenierung die Hauptrolle ausfällt. Hanna Schygulla improvisiert einfach drauf los und hat Erfolg. Sechs Jahre lang wird sie von da an ununterbrochen mit Rainer Werner Fassbinder Theater spielen und Filme drehen. Und sie haben erste Erfolge, die Zuschauerzahlen in den Programmkinos steigen, die Kritik ist positiv.
Aber1974 kommt der Einbruch - Hanna Schygulla erträgt sich selbst kaum noch vor der Kamera, findet sich leer und puppenhaft in Effi Briest.
Hanna Schygulla, Schauspielerin
"Ich fand ja immer dass im Leben, dass in dem Moment, wo der Erfolg und das Geld das Wichtigste wird, hat man sich verkauft, hat man einen Pakt geschlossen, so wie bei Faust, mit dem, was einem die Seele aufisst."
Sich dem Zufall anzuvertrauen, bedeutet viel Mut. Nach der Auszeit und den zwei Erfolgsfilmen mit Fassbinder dreht Hanna Schygulla in ganz Europa. Sie sucht sich bewusst die Regisseure aus, wie hier Andrzej Wajda - und sie weiß als Schauspielerin, wie sie ihre Rollen gestalten möchte.
Mit dem polnischen Regisseur hat sie sich damals darüber auseinandergesetzt, wie man eine Liebende spielt. Privat hat Hanna Schygulla ihre Liebe zu dieser Zeit schon gefunden.
Hanna Schygulla, Schauspielerin
"Wobei ich meine große Liebe, auch könnte ich sagen, durch Zufall in einem Katalog gefunden habe, in einem Filmkatalog, und dann habe ich hingeguckt und habe gesagt, der ist es und bin dann darauf zugegangen. Und dann, wie ich aber gemerkt habe, das selbst aus dieser Beziehung kein Kind entstanden ist, dann wollte ich adoptieren, und dann wiederum war es so, das sozusagen meine Mutter zu meinem Kind geworden.’
Sie ist Mitte vierzig, als sie anfängt, sich mehr und mehr um ihre Eltern zu kümmern. Davon erzählt sie in ihrer Biographie. Jahrelang hat Hanna Schygulla die Beiden gepflegt. In dieser Zeit hat sie weniger gedreht, aber dafür angefangen zu singen. Seitdem tritt sie häufig mit einem eigenen Chansonprogramm auf. Wie hier vor wenigen Tagen in Berlin.
Hanna Schygulla will übrigens nach Berlin ziehen, fast vierzig Jahre hat sie in Paris gelebt. Jetzt hat sie Sehnsucht nach der deutschen Sprache, nach der Kreativität und dem Neuen hier. Besonders viel Mut kostet sie der Umzug mit 70 nicht, die Idee mit dem Ortswechsel ist ja durch einen Zufall entstanden - und dann kann es ja nur gut gehen.
Autorin: Bettina Lehnert







