Mark Benecke (Quelle: rbb/Max Kohr)

- Mark Benecke: 'Seziert: Das Leben von Otto Prokop'

Dr. Mark Benecke ist einer der bekanntesten Kriminalbiologen hierzulande. Er ist Kolumnist, Ausbilder an Polizeischulen, Talkshow-Gast - und Autor. In seinem neuesten Buch widmet er sich Otto Prokop, dem populärsten Rechtsmediziner der DDR. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.)

Im Medizinhistorischen Museum Berlins, zwischen all den Organpräparaten, fühlt er sich heimisch: Der Kriminalbiologe Mark Benecke  entschlüsselt die Spuren an Leichen. Weltweit. Doch sein aktueller Fall hat nichts mit Mord oder Totschlag zu tun. Jahrelang war er diesem Mann auf der Spur: Otto Prokop. Er wollte eine Biographie über den berühmtesten Gerichtsmediziner der DDR schreiben. Doch das war schwieriger als gedacht.

Mark Benecke, Kriminalbiologe
"Also, fast alle Kollegen, auch mit denen ich gut befreundet war vorher, haben überhaupt nichts gesagt. Nichts. Also, nicht ja oder nein oder möchte ich nicht. Die Straßenseite gewechselt, den Kontakt abgebrochen. Einfach weil man gesagt hat, erzähl mir doch mal irgendetwas. Wie so ein Agent habe ich mich am Ende gefühlt, der die verschiedenen scheinbar bedeutungslosen Teile zusammen puzzelt, und so ist am Ende doch ein Gesamtbild entstanden."

Warum will niemand mit ihm reden? Zehn Jahre stöbert er in Archiven, trifft sich mit ehemaligen Stasi-Leuten und früheren Kollegen. Otto Prokop - zu DDR Zeiten ein gefeierter Rechtsmediziner - gilt vielen nach der Wende als staats- und stasinah. Doch wie sieht seine Geschichte aus? War er nur ein Opportunist wie viele?

Er schreibt 600 Bücher. Forscht zu Blutgruppen, Genetik und Kuhmilch. Seine Vorlesungen sind legendär. Jeden Morgen liegt die BILD-Zeitung mit auf dem Tisch. Prokop ist Österreicher mit DDR-Pass, er kann jeden Tag in den Westen reisen. Er lebt sehr privilegiert.

Mark Benecke, Kriminalbiologe
"Der Prokop hatte gar nicht die Möglichkeit richtig einzuschätzen, wie man sich zu Mächten verhält, weil er schon von Anfang an als kleiner Junge und als Jugendlicher erlebt hat, dass man sich am besten ganz raus hält."


Otto Prokop wächst nahe Salzburg auf, deutschnational und erzkatholisch. Er ist fasziniert von der Hitlerjugend und begrüßt 1938 wie fast alle Österreicher den Einmarsch der Deutschen.

Die Suche nach politischer Identität scheitert: Otto Prokop spürt bei der Wehrmacht, dass er als Österreicher nur Deutscher zweiter Klasse ist. Das Kriegsende erlebt er als Chaos.

Otto Prokop (1997)
"Mein Vater war in russischer Gefangenschaft, die Mutter hat das Haus verloren an die Amerikaner, die Großeltern mütterlicherseits haben sich durch Zyankali vergiftet, ein Vetter von mir wurde vom österreichischen Volksgericht aufgehängt, er hat mit der Hitlerdivision Wien verteidigt. Also, da nach Österreich zurückgehen war für mich nicht möglich."

Mark Benecke, Kriminalbiologe
"Ständig hat das Schicksal da aus seiner Sicht ihm immer eine reingehauen, und er ist nie in die Situation gekommen, darüber nachzudenken. Und aus seiner Sicht war er von diesen Zeitläufen und Umgebungen bedrängt, und vor allen ging es dann häufig um Systemwechsel und Tote. Und wir wissen, wenn ein Mensch, wenn er das einmal im Leben mitmacht, ein echten Schlag, aber wenn man das viermal mitmacht, so wie er, dann, glaube ich, kann man verstehen, dass er da mehr Brüche in sich hatte, als er sich das wohl selber eingestehen wollte."

Als Otto Prokop 1957 nach Jahren in Bonn an die berühmte Charité berufen wird, nach Ostberlin, da hat er kein Problem mit dem Systemwechsel. Er sieht die einmalige Chance, mit 36 Jahren Institutsdirektor zu werden. Ideologische Fragen spielen für ihn keine Rolle. Und so kommt er selbstverständlich am Tag des Mauerbaus zurück - aus dem Urlaub in Kärnten.

Otto Prokop (1997)

"Das kann nicht wahr sein, da muss ich zurückfahren, was denken meine Assistenten, nicht? So, dann bin ich zurückgefahren. Die Studenten haben mich umarmt. Mit Tränen in den Augen und haben gesagt: Unser Chef ist wieder da.  Es war ein Erlebnis für mich. Es war mein Institut eben."

Mark Benecke, Kriminalbiologe

"Also, der Prokop war nicht link oder gemein. Oder so eine eklige, klebrige Art von  Opportunist. So war er nicht. Er hat nur seine Kräfte falsch eingeschätzt - oder anders: Er hat nur die Kräfte der anderen völlig falsch eingeschätzt."


Otto Prokop wird von der Staatsmacht hofiert und gefällt sich als Aushängeschild. Er verschanzt sich hinter seiner Wissenschaft. Er diene nur der Forschung und den Fakten, sagt er. Und keiner Ideologie. Eine Illusion? 

Mark Benecke, Kriminalbiologe

"Er hat diesen eisigen Luftzug, den man normalerweise beim Handshake mit dem Teufel spürt oder den Schwefelgestank, den hat er ja gar nicht abbekommen. Also, er musste da gar nicht mit seinem Wiener Charme das wegpusten, diesen schlechten Geruch oder diese Kälte, sondern er hat es wirklich nicht wahrgenommen."

Hat er wirklich nicht gesehen, welchem Land er dient? Wem er sein Wissen zur Verfügung stellt?

Er hat alle Menschen obduziert, die an der Grenze getötet wurden. Die Akten hat er an die Staatssicherheit weitergereicht. Hat er keine Bedenken gehabt? Wollte er nicht wissen, was damit geschieht?

Als Otto Prokop 2009 stirbt, ist er allein, niemand erinnert an ihn und seine Forschungen. Mark Benecke porträtiert einen Wissenschaftler, der immer dachte, nur die Forschung zählt und sich so bedenkenlos in den Dienst eines Systems stellte.


Autorin: Marina Farschid

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