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Die mächtige Kaiserstadt Wien und die aufstrebende Metropole Berlin - beide galten einst als Frontstädte der Moderne, wobei Berlin Wien als führende Kunststadt zunehmend den Rang ablief. Zum ersten Mal sind die Meisterwerke der Berliner und Wiener Moderne jetzt zusammen in einer Ausstellung zu sehen.
Für die Kunstwelt ist es eine Sensation, die hier ausgepackt wird. Über 80 Jahre war dieses Bild verschollen. Erst letztes Jahr ist es wieder aufgetaucht, in einem Auktionshaus in München.
Auch Ralf Burmeister sieht dieses Bild gerade zum ersten Mal. Der Kunsthistoriker kannte es vorher nur von alten Fotos.
Ralf Burmeister, Kurator
"Es wäre übertrieben zu sagen, das ist wie ein Familienmitglied, dass man zum ersten Mal in Farbe sieht, aber es hat etwas davon. Ich kannte bislang nur die Schwarz-Weiß-Fotografien, und plötzlich bekommt das eine große Lebendigkeit."
1927 wurde das Bild gemalt - von der Berliner Künstlerin Lotte Laserstein. Im Archiv der Berlinischen Galerie liegt ihr Nachlass. Heute ist sie fast vergessen - in den 20ern aber galt sie als großes Talent. Ihr Gemälde wurde 1928 von der Stadt Berlin gekauft. 1937 verliert sich seine Spur. Es ist das Jahr, in dem die Jüdin Lotte Laserstein nach Schweden fliehen muss. Ihr Bild sieht sie nie wieder. Sie denkt, es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Doch das Kunstwerk wurde von den Nationalsozialisten als entartete Kunst gebrandmarkt.
Ralf Burmeister, Kurator
"Das heißt also, dieses Kunstwerk fiel unter das Stigma entartete Kunst, wurde aus einem Museum entnommen und kam dann in Privatbesitz."
Das Bild von Lotte Laserstein ist Teil der Ausstellung "Wien Berlin", die gerade in der Berlinischen Galerie aufgebaut wird. Sie vergleicht Kunst aus Berlin mit Werken aus Wien. Von der Jahrhundertwende bis zu den 20er Jahren.
Dabei erzählt die Ausstellung auch vom Wettstreit dieser beiden Städte: Die alte Kulturmetropole Wien gegen das aufstrebende Berlin. Gemütlichkeit gegen Geschäftigkeit. Während in Berlin Züge durch die Stadt pflügen, legt sich Wien zu Freud auf die Couch. Berlin vibriert: Die Reklame beginnt zu leuchten, am Potsdamer Platz wird die erste Ampel Europas aufgestellt. Wien steht für eine ruhmreiche Tradition, Berlin für eine ungewisse Zukunft, in die sich damals wie heute die Avantgarde stürzt.
Ralf Burmeister, Kurator
"Wien Berlin, das sind zwei Metropolen, die sich geschwisterlich ähneln, die aber wie zwei Geschwister auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Die eine blond, die andere braun, die eine stürmischer, die andere etwas dezenter, feiner im Stil. Und das würde ich durchaus Wien zuschreiben, Berlin ist immer direkt und gerade heraus, das findet man auch in der Kunst wieder."
Ein Wiener Künstler sagt damals: Die Berliner malen mit dem Mistbesen statt mit dem Pinsel.
Die Bilder zeigen uns die grelle Großstadt. Mit den Wienern geht es eher auf Landpartie oder ins Gartenrestaurant: Die Ausstellung präsentiert Meisterwerke von Gustav Klimt neben Ernst Ludwig Kirchner, Egon Schiele neben George Grosz. Frauen in gestellten Posen neben den natürlichen Porträts von Lotte Laserstein. Ihr wieder aufgetauchtes Bild "Im Gasthaus" ist typisch Berlin der 20er Jahre.
Ralf Burmeister, Kurator
"Diese Alltagsszene, diese Alltagszenerie, eine junge Frau, alleine im Gasthaus, ist bildwürdig, ist ein Motiv, das man malt, dass das ein Unterschied ist zu den Bildern, die man in Wien findet, wo die neue Sachlichkeit anbelangt auch oft das gute Bürgertum gemalt wird, auch Repräsentationshaltungen.“
Es gehörte auch zu den Lieblingsbildern von Lotte Laserstein selbst. 1993 ist die Malerin in Schweden gestorben. Ihr Leben lang hat sie sich gefragt, was aus ihrem ersten großen Erfolg geworden ist. Jetzt endlich, nach 80 Jahren, ist es wieder nach Berlin zurück gekehrt.
Autorin: Vanessa Loewel







