Buch "Rudi und ich" (Quelle: Ullstein Verlag)

- Hosea Dutschke: 'Rudi und ich'

Rudi Dutschke war eine Ikone der deutschen 68er-Studentenbewegung. Jetzt erzählt sein Sohn Hosea von seiner Kindheit mit dem berühmten Vater in Dänemark - und Dutschkes frühen Tod.

Berührend - zärtlich. Rudi Dutschke mit seinem Sohn, den er Hosea Che nennt. Stolz hebt er ihn hoch, wickelt ihn sogar vor der Kamera. Seht her.

Sein Privatleben nutzt er für seine politischen Zwecke. Will seine Gegner damit besänftigen. Und der Kleine Che wird ab jetzt überall dabei sein.

Aufwühlend - kämpferisch. Dutschke der Revoluzer, der Rebell, der die Welt verändern und einen neuen Menschen schaffen will.

Hosea Dutschke
"Ich finde natürlich Rudi hat sehr viel bewirkt und das war sehr wichtig  Da macht er mich stolz, das finde ich fantastisch. Aber ich bin ich selbst und will auch so sein und will nicht wie Rudi sein."

Hosea Dutschke ist der älteste Sohn, 1968 geboren. Er erinnert sich an seine antiautoritäre Erziehung, an Rudi, wie er ihn nennt, und vor allem an seinen Tod 1979. Er braucht Jahre, um diesen Schmerz zu verarbeiten

Ein Blick zurück. Rudi der Gefühlssozialist und sein Gretchen. Die beiden heiraten, was ihm die Genossen übel nehmen. Trotz Familie arbeitet er unermüdlich, groß ist seine Liebe, auch zur Revolution. Er liest Marx und hält feurige Reden.

Für die revolutionäre Idee riskiert er sogar das Leben seines Sohnes, im Kinderwagen versteckt er zwei Kilo Sprengstoff, fährt ihn darin spazieren.

Hosea Dutschke
"Ich finde, er hat mich mehr als Vater als politisch erzogen. Aber gleichzeitig war Politik immer dabei. Bei uns Zuhause waren überall Bücher, und es wurde über Politik geredet und das deutsche Fernsehen war immer da sowie das Radio. In dem Sinne war die Politik immer nahe dran, aber gleichzeitig war da der Vater und hat uns erzogen. Wir sollten nicht als achtjährige Karl Marx lesen oder sonstiges. Das war Karl May."


Am 11. April 1968 wird dreimal auf Rudi Dutschke geschossen, zweimal in den Kopf, einmal in die Schulter.

Rudi kann nicht mehr sprechen, aber er überlebt. Er muss alles neu lernen, wie ein kleines Kind. Die Familie geht nach Dänemark. Dutschke lernt gemeinsam mit Hosea wieder schreiben. Sein Sohn wird auch später sein Übersetzer werden, denn Rudi wird nie ein Wort dänisch sprechen. Vater und Sohn brauchen sich wie nie zuvor.

Hosea Dutschke

"Dann haben wir auf der gleichen Stufe angefangen. Er ohne Sprache, ich ohne Sprache,  in dem Sinne sind wir eng verknüpft gewesen."


Rudi  findet wieder ins Leben zurück, verbringt viel Zeit mit seiner Familie, Hosea ist fast immer dabei, sogar auf einer der wenigen Pressekonferenzen.

Aber die Angst vor einem neuen Attentat bleibt, wie auch die epileptischen Anfälle, die er seit den Schüssen hat. Weihnachten 1979 ertrinkt er in der Badewanne. Hosea findet seinen Vater. Er ist elf Jahre alt. Ein Erlebnis, das ihn nie loslässt.

Hosea Dutschke

"Das waren sehr ungewöhnliche Umstände. Ich habe erlebt, wie er gestorben ist, war mit dabei, habe versucht ihn Mund zu Mund zu beatmen. Und in dem Sinne war ich sehr nah am Tod, und das hat mich sehr beeinflusst, wie ich heute bin, und das versuche ich im Buch zu zeigen."


Hosea Dutschke ist heute Verwaltungsdirektor eines Krankenhauses, hat zwei Kinder. Er ist nie aus Dänemark weg. Berlin, wo sein Bruder und seine Mutter heute leben, ist ihm zu nah dran an den Erinnerungen.

Und den Namen Che hat er auch abgelegt. Weg damit. Befreiung.

Hosea Dutschke
"Beim Buchstabieren meines Namens Hosea habe ich schon so viele Fehler gesehen. Und wenn dann noch Hosea Che dazukam, da musste ich dann immer alles buchstabieren. In dem Sinne war es ohne Che leichter. Es ist ja schön drei revolutionäre Namen zu haben,  aber zwei genügen mir auch."


Autorin: Yvonne von Kalinowsky  

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