Filmausschnitt von "Sputnik" (Quelle: rbb)

- Sputnik

Der Fall der Mauer aus der Sicht eines 10-Jährigen, raumfahrtbegeisterten Mädchens in der DDR, das in der brandenburgischen Provinz aufwächst. Was sich nach einem fantasievollen Märchen anhört, ist in Wirklichkeit die autobiographische Geschichte des Regisseurs Markus Dietrich.

Pressekonferenz Günter Schabowski (1989)
"Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich."


Na klar, so war das damals. Schabowskis Zettelwirtschaft und dann: die lange Nacht der Freudentränen. Oder war alles ganz anders damals? Der Regisseur Markus Dietrich erzählt uns jetzt seine Version des Wendeherbstes. Der Mauerfall aus Kinderperspektive.

Bei Friederike im Film reist der Onkel aus. Markus Dietrich kennt diese Situation - seine Lieblingstante ging fort.

Markus Dietrich, Regisseur
"An irgendeinem Tag kam ich nach der Schule nach Hause, so wie Friederike in Sputnik, und da stand ein LKW mit Möbeln, und die sind abgeladen worden. Da hieß es, ja, die ist weg, die ist drüben. Schock. Plötzlich ist die Tante weg. Und es war klar, da ist die Mauer, ich kann nicht mehr zu der oder erst, wenn ich so alt bin wie meine Oma. Da kam dann die Idee: Wie holen wir sie zurück, ohne dass es jemand merkt? Wir beamen."

Aufgewachsen ist Markus Dietrich in Buckow in der Märkischen Schweiz. Hier stand auch das Haus seiner Großeltern. Im Herbst 1989 macht sich der weltraumbegeisterte Markus mit Feuereifer und zwei Freunden tatsächlich an die Entwicklung einer Beam-Maschine. In Opas Schuppen findet sich jede Menge Krims-Krams zum Basteln.

Markus Dietrich, Regisseur
"Und hier hinter mir war die große Scheune. Die haben wir sozusagen vereinnahmt und da haben wir die Beam-Maschine gebaut. Und die Maschine bestand nicht wie im Film aus einem Teil, sondern aus zwei Räumen. Hinter mir in der Scheune war der eigentliche Mechanismus mit den Spiegeln und den Telefonleitungen und Strom. Und hier hinten war die Bude, die hatten wir selber gebaut aus Brettern, die wir im Stadtpark gebaut hatten und Baumstämmen. Da war die Wanne drin. Da sollte sich meine Tante rematerialisieren."

Basteln als Ablenkung von den Zeitläufen - denn über das, was im Wendeherbst tatsächlich geschieht, erfahren die Kinder wenig.

Auch Markus' Eltern, damals in der evangelischen Kirche engagiert, trugen sich in dieser Zeit mit Abschiedsgedanken.

Monika Dietrich, Mutter von Markus
"Er war ja auch sehr neugierig und wollte es auch immer ganz genau wissen und hat auch oft sehr gebohrt mit seinen Fragen, so dass ich manchmal schon keine Antwort mehr wusste, die ich ihm geben sollte, um ihm die Situation überhaupt verständlich zu machen. Es war schon schwierig, auch für uns Erwachsene. Wir waren ja selber in so einem Zwiespalt."


Nicht nur von einem großen Abenteuer, auch vom Alltag in der DDR, von einer Dorfgemeinschaft will Markus Dietrich erzählen. Im Konsum gibt es wichtiges Zubehör fürs Beamen.

Im FDGB-Ferienheim klauten er und zwei Freunde eine ausrangierte Wanne. Der Testlauf der Beam-Maschine am 9. November 1989 endet mit einem lauten Knall.

Im Film sitzt man im Dorfkrug beim Bier als Günter Schabowski spricht. Als die Bastelarbeit dann in Betrieb geht, ist das Ergebnis ein anderes, als gedacht.

Markus Dietrich, Regisseur
"Diese Flucht in diese Parallelwelten, in diese Phantasiegeschichten, ist wie so ein Schutzmechanismus. Funktioniert auch heute noch wunderbar. Und das ist die Stärke von Kindern. Um schwierige Situationen einfach zu meistern. In dem sie so etwas entwickeln, so eine Geschichte entwickeln. Und deswegen war diese Star-Trek-Welt oder diese Phantasie, wir bauen eine Beam-Maschine und holen damit alle zurück, die war natürlich auch ein Schutz für uns. Und das hat wunderbar funktioniert."

Das Dorf ist leergebeamt - für eine Nacht zumindest.

Markus Dietrich ist gleich nach dem Mauerfall mit seiner Mutter nach West-Berlin gefahren. Und seine Tante hat er auch wiedergesehen. Ganz real.


Autor: Steffen Prell

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