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Vor 75 Jahren diente das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf Ernst vom Rath in Paris als Vorwand für die Reichspogromnacht. Der Historiker Achim Fuhrer zeigt jetzt anhand neuer Indizien, dass auch die Nazis am Tod des deutschen Diplomaten beteiligt waren.
Paris 1938. Es ist der 7. November, morgens um halb zehn. In der deutschen Botschaft fallen Schüsse. Getroffen bricht der Botschaftssekretär Ernst vom Rath zusammen. "Sie sind ein 'sale boche'", ein "dreckiger Deutscher", "hier ist die Botschaft von 12.000 verfolgten Juden", ruft der Attentäter. Widerstandslos lässt er sich von der Polizei festnehmen. Er ist 17 Jahre: Herschel Grynszpan, ein Jude aus Hannover. Seine Tat beherrscht die Schlagzeilen am nächsten Morgen und alarmiert die NS-Führung.
Armin Fuhrer, Historiker und Autor
"Hitler schickte seinen Leibarzt und einen weitern Mediziner nach Paris, die Beiden stellten am achten November eine akute Magen- und Darmtuberkulose bei Ernst vom Rath fest, die sie nie der Öffentlichkeit bekanntgegeben haben. Es ist sehr wahrscheinlich, das sie Ernst vom Rath dagegen keine Medikamente gaben und der Körper einfach durch Verletzung und diese Erkrankung dermaßen geschwächt war, dass er dann zwei Tage später starb."
Es ist die brisanteste neue Erkenntnis, die der Autor Armin Fuhrer über das folgenreiche Attentat recherchiert hat. Die Schüsse von Herschel Grynszpan waren demnach nicht tödlich. Ernst vom Rath hätte gerettet werden können. So aber wird der tote Diplomat von den Nationalsozialisten zum Märtyrer stilisiert. Seine Beerdigung wird zur Propagandaveranstaltung. Der Anschlag kommt den Nazis gerade recht.
Armin Fuhrer, Historiker und Autor
"Ich glaube, Hitler und Goebbels haben sehr darauf gewartet. In der Partei und in der SA hatte es seit Monaten, das ganze Jahr 1938 eigentlich schon, rumort, weil viele Nazis einfach mal losschlagen wollten endlich gegen die Juden, und zwar auch im wahrsten Sinne des Wortes, nicht nur mit Gesetzen, wie es bisher meistens passiert war, sondern sie wollten wirklich losschlagen."
In der Nacht vom neunten auf den zehnten November schlug die SA dann los. Jüdische Geschäfte, Bethäuser, Synagogen und Privatwohnungen - der braune Mob plünderte und legte Feuer im Auftrag der NSDAP. Polizei und Feuerwehr hatten die Weisung, nicht einzugreifen. Es war der Beginn des Holocaust, und ein 17-Jähriger hatte angeblich den Anlass geliefert. Seine Geschichte wollte Armin Fuhrer erzählen.
Armin Fuhrer, Historiker und Autor
"Also, es ist zunächst das Schicksal von Herschel Grynszpan, diesem 17-jährigen Jungen, der völlig verzweifelt in Paris sitzt, stark frustriert ist über das Schicksal, nicht nur sein eigenes, sondern auch seiner Familie und des jüdischen Volkes, und irgendetwas tun will, nicht zugucken will, wie die ganzen bekannten Staatsmänner der westlichen Welt, die Hitler gewähren lassen, sondern er will etwas tun. Er muss etwas tun, das hat mich von Anfang an sehr gepackt, muss ich sagen."
Herschel Grynszpan, mit polnischem Pass, aufgewachsen in Hannover, aber dort findet er keine Leerstelle, weil er Jude ist. Mit 14 geht er nach Paris. Als sein Visum in Frankreich abläuft, ist er staatenlos. Als seine Eltern im Oktober 1938 zwangsweise unter menschenunwürdigen Umständen nach Polen abgeschoben werden, verzweifelt er vollkommen. Davor hat er trotz seiner Illegalität in Frankreich, wie ein ganz normaler Jugendlicher gelebt. Er ist tanzen gegangen, war in Bars unterwegs. Jahrzehnte hält sich daher das Gerücht, Herschel Grynszpan und der 29-jährige Ernst vom Rath wären sich in Schwulenbars in Paris begegnet, hätten sich gekannt.
Armin Fuhrer, Historiker und Autor
"Wäre es tatsächlich eine Beziehungstat zwischen zwei Homosexuellen gewesen, wäre diese Tat als politisches Signal ja völlig entwertet gewesen, weil man hätte dann ja einfach sagen können, es ging um Streit zwischen zwei Liebhabern, hätte aber überhaupt keinen politischen Wert mehr gehabt. Das hätte aber beispielweise sehr im Interesse der französischen Regierung gelegen."
Möglicherweise, so Armin Fuhrer, haben die Verteidiger Herschel Grynszpan geraten, in Verhören von seiner Homosexualität zu sprechen. Sie hofften so auf einen Freispruch. In Frankreich fürchtete man die außenpolitischen Folgen, die dieser Prozess haben könnte, deswegen blieb Herschel Grynszpan in Untersuchungshaft. Erst nach dem Einmarsch der Deutschen wurde er 1941 ausgeliefert und von den Nazis ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. In diesem Zellenblock war er untergebracht.
Armin Fuhrer, Historiker und Autor
"Am Anfang wussten sie nicht ganz genau, was sie mit ihm vorhatten, sie wollten ihn nur haben. Aber Goebbels hat sich dann sehr schnell entschieden, ihm einen Schauprozess zu machen in Deutschland, in Berlin, vor der Weltöffentlichkeit, der internationalen Presse, um an seinem Beispiel zu zeigen, dass es eigentlich das sogenannte Internationale Judentum war, dass Deutschland den Krieg erklärt hat und nicht umgekehrt."
Am 15. Mai 1942 taucht Herschel Grynszpan das letzte Mal in den Akten des KZ Sachsenhausen auf. Danach nichts mehr, keine Sterbeurkunde. Seine Spur verliert sich, ob er den Krieg überlebt hat - es wäre möglich.
Das Buch "Herschel" erinnert an einen 17-Jährigen, der sich sehr verzweifelt und sehr wütend gegen die Nationalsozialisten zur Wehr gesetzt hat und der heute fast vergessen ist.
Autorin: Bettina Lehnert







