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Beim Jazzfest Berlin wird der 80. Geburtstag von Ernst-Ludwig Petrwosky gefeiert. Der Saxophonist gilt als einer der Urväter des Free Jazz in der DDR. Er weiß, warum ausgerechnet in einem Überwachungsstaat die Musik ohne Regeln gefördert wurde.
Seine Formation heißt Zentralquartett - und das nehmen viele in der DDR ernster als das Zentralkomitee. Luten Petrowsky spielt in unzähligen Ensembles Saxophon, aber immer Free-Jazz. Das Ganze wurde sogar richtig hip.
Die Kammerspiele des Deutschen Theaters sind in den 70er und 80er Jahren der Ort für Free Jazz. "Jazz in der Kammer" heißt die Reihe, und Luten Petrowsky ist ein Star auf dieser Bühne.
Luten Petrowsky, Jazz-Musiker
"Es war regelrecht auch eine Art Doktrin das Instrument auf seine Grenzfähigkeit auszuloten. Es hat auch Spaß gemacht, sozusagen diese Phase des Free Jazz par excellence, also möglichst keine Motivation, kein Miteinanderspielen, sondern gegeneinander - eine Art von Rauflustigkeit auf der Bühne auszutragen."
Und diese Jazz-Chaoten lässt man in der DDR einfach machen. Konzerte bis zur so genannten "Kaputtspielphase". Krach, Körperverletzung oder große Meisterschaft? Das große Publikum ist sich beim Free Jazz stets uneinig.
Aber wie viel Provokation und Rebellion steckt im Jazz der DDR?
Luten Petrowski, Jazz-Musiker
"Ohne einen Hang zur Freiheit und ohne die Fähigkeit, die Freiheit auch umzusetzen - künstlerisch - ist die Jazzmusik nichts wert. Und in der Beziehung war den Funktionären der Jazz unheimlich, aber sie konnten ihn nicht dingfest machen, als feindliches Gremium, weil er textfrei daherkam, und insofern hatten wir dort eine Art von... man kann es Idiotenfreiheit nennen."
In den 70ern pilgert man als Freak in der DDR in den Spreewald, im Städtchen Peitz findet regelmäßig eine Art Woodstock für den Free-Jazz statt. Ulli Blobel gründet dieses Festival. Und das Ganze wird ein Renner. Diese Musik zieht tausende junge Leute aus dem ganzen Land - ein Kuriosum.
Ulli Blobel, Konzertveranstalter
"In Ermangelung großer Rock Acts und wenig internationaler Darbietungen war dann das Internationale des Jazz eigentlich der Punkt. Das andere war sicherlich, dass wir das nicht als Jugendorganisation-, nicht als FDJ-Typen gemacht haben."
Free-Jazz scheint nicht wirklich politisch, schließlich läßt man sie gewähren. Viel mehr ist er eine bizarre Nischenkultur. Die Funktionäre mischen sich nicht ein, nahmen gar nicht richtig wahr, was da in Peitz passiert - anfangs zumindest.
Ulli Blobel, Konzertveranstalter
"Anarchismus war der Grund, warum so viele Leute kamen, aber er war nicht so plakativ. Er war nicht festzumachen, wie mit Worten, das war eine intellektuelle Herausforderung, die anfänglich von den Kulturfunktionären nicht erkannt worden ist."
Die Jazzwerkstatt Peitz findet 1982 zum letzten Mal statt. Die Bezirksverwaltung erkennt das subversive Potenzial und verbietet dieses Woodstock am Karpfenteich.
Aber in den Kammerspielen geht es weiter. Und das Duo "Petrowsky / Brüning" geht auf Tourneen durch Indien und die USA. Die Sängerin Uschi Brüning ist schon als Duett-Partnerin von Manfred Krug eine Berühmtheit im Land, aber hier ist sie freier, experimenteller.
Uschi Brüning, Jazz-Sängerin
"Als der Jazz attraktiv geworden ist, da hat man ihn eben nicht mehr verboten, sondern hat sogar gefördert in der Form, dass die Musiker raus durften."
Luten Petrowsky, Jazz-Musiker
"Jazz ist eine Art von kleiner Oase inmitten in einer Wüste der Geschmacklosigkeit. Das will mir nicht in den Kopf. Ich finde, dass der Jazz so faszinierend ist, dass da mir die Leute in der Seele weh tun, die das nicht spüren."
Luten Petrowsky ist schon zu Ost-Zeiten mit seinem Free-Jazz um die ganze Welt getourt, er war der "Diplomat mit Saxophon und Flöte", sollte Gold für die DDR holen. Dabei ging es ihm immer nur um den Jazz.
Autor: Sascha Hilpert







