- Das Haus Ullstein

Der Berliner Ullstein Verlag war einst das größte Verlagshaus Europas, gegründet von Leopold Ullstein. Sein jüngster Sohn Hermann ging nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika ins Exil. Dort schrieb er ein Buch über Aufstieg und Fall des Hauses Ullstein. Erst jetzt wurde das Buch ins Deutsche übersetzt. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.)

Januar 1933. Berlin tanzt. Der Presseball ist das glanzvolle Jahrestreffen der hauptstädtischen Gesellschaft. Mitten in die Party platzt die Nachricht vom Rücktritt des Reichskanzlers Schleicher. Kommt nun die Stunde Hitlers? 

Der Champagner vertreibt die dunklen Vorahnungen. Es wird gefeiert bis zum Morgengrauen. Mit dem Presseball beginnen die Erinnerungen des Verlegers Hermann Ullstein. Und mit dem bitteren Erwachen danach. Adolf Hitler wird zum neuen Reichskanzler ernannt.  

Es ist der Anfang vom Ende des damals größten Medienkonzerns in Europa. Hermann Ullstein lebt bereits im Exil, als er die Geschichte des Ullstein Verlages verfasst. 1943 erscheint sein Buch in New York. Nun hat der Theater- und Opernregisseur Geoffrey Layton die Erinnerungen seines Großonkels ins Deutsche übersetzt.

Geoffrey Layton, Theater- und Opernregisseur
"Ich habe sozusagen Kontakt aufgenommen mit einem Blutsverwandten, der schon lange nicht mehr lebt, aber das ist wie eine physische Verbindung mit der Geschichte. Und das ist was daran faszinierend, weil das Lesevergnügen einfach sehr viel größer ist, als wenn man eine trockene historische Abhandlung bekommt."

Die ehemalige Kochstraße in Berlin. 1877 sucht hier ein kleines Blatt, die Berliner Zeitung, einen Käufer. Leopold Ullstein, ein jüdischer Papierfabrikant und linklsiberaler Zeitgenosse greift zu und legt damit den Grundstein des Ullstein Verlages. Seine fünf Söhne, von denen Hermann der jüngste ist, erweitern das Unternehmen zu einem Verlagsimperium mit 14.000 Beschäftigten.

Der 1927 errichtete "Rote Riese" beherbergt die modernste Druckerei Europas und symbolisiert zugleich die führende Medienmacht des kollektiven Ullsteingenies.

Doch gegen den schleichenden Verfall der Demokratie und den Siegeszug Hitlers versagt die Macht der Medien.

Geoffrey Layton, Theater- und Opernregisseur

"Der Hermann hat stärker als die anderen vor den Nazis gewarnt und verlangte nach radikaleren Gegenmaßahmen. Das ist ein großes Thema in diesem Buch, weil die Pressemacht der Ullsteins so groß war, dass sie tatsächlich ein Rolle spielen konnte im Kampf gegen die Nazis."

Hermann Ullstein fordert, die Publikationen im eigenen Haus gegen Hitler in Stellung zu bringen. Die "Berliner Illustrierte Zeitung" mit einer Auflage von zwei Millionen, soll ihre politische Neutralität aufgeben. Der Vorstand prophezeit, dass damit die Zeitschrift die Hälfte ihrer Leser verlieren würde und lehnt ab. Enttäuscht erwidert Ullstein: "Besser jetzt die Hälfte verlieren als später alles."

Zwei Monate nach Hitlers Machtergreifung ordnen die Nationalsozialisten einen Tag des Juden-Boykotts an. Hermann Ullstein erlebt eine schauderhafte Parade durch alle Stockwerke des Verlages. Ein Chor von drei Dutzend Männerstimmen brüllt: "Nieder mit der Judenherrschaft!" Unter den Marschierenden sind auch Mitarbeiter des Unternehmens.

"Wir Ullsteins versuchten, uns über Wasser zu halten, bis die Sintflut ein Ende haben würde", schreibt Hermann Ullstein. Mit der Einsetzung arischer Vorstandsmitglieder hoffen die Brüder ihre Position gegenüber den Nazis zu verbessern. Die Gleichschaltung der deutschen Presse können sie damit genauso wenig aufhalten wie ihren eigenen Untergang.

Geoffrey Layton, Theater- und Opernregisseur
"Ich schaue in aller Bescheidenheit darauf, weil ich kann nur sagen, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte in dieser Situation, wenn man die Hosen so voll hat. Die Angst hat ja regiert überall."


Das Unternehmen wird zwangsenteignet, der Name Ullstein aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Die Pogromnacht 1938 ist für Hermann und seine Frau Margarethe das Signal, ihr Haus und ihre Heimat zu verlassen. Nach der dramatischen Flucht lebt Hermann Ullstein weitgehend mittellos in New York, arbeitet als Schleifer und Nachtwächter. 

Für das amerikanische Lesepublikum verfasst er in englischer Sprache die Geschichte des Ullstein-Hauses. Sie wird zu seinem Vermächtnis. Er stirbt mit 68 Jahren, wenige Monate nach ihrer Veröffentlichung. Jetzt, 70 Jahre später, erscheint sie zum ersten Mal in Deutschland, ein spannendes und mahnendes Dokument.


Autor: Lutz Pehnert

weitere Themen der Sendung

"Zonenmädchen"

Als die Mauer fällt, steht Sabine Michel und ihren Freundinnen auf einmal scheinbar die ganze Welt offen. In ihrem Dokumentarfilm "Zonenmädchen" will die Regisseurin 22 Jahre später herausfinden, wie viel DDR noch immer in ihrer Generation steckt.

Adel Tawil

Während die Band "Ich und Ich" erst mal wie angekündigt eine Pause einlegen, geht Band-Mitglied Adel Tawil eigene Wege. Jetzt erscheint das erste Solo-Album des Berliners mit dem simplen Titel "Lieder", worauf er sich mit seinem Aufstieg vom Migrantenkind zum Deutsch-Popstar beschäftigt.

"Eltern"

Die moderne Bilderbuchfamilie: Vater Konrad kümmert sich um Kinder und Haushalt, Mutter Christine macht als Karriere als Ärztin. Aber kaum will Konrad wieder zurück in seinen Job als Theaterregisseur, geht das Chaos los. Der Film "Eltern" ist ein amüsanter wie realistischer Blick auf eine Generation, die versucht, den Spagat zwischen Kindern und Karriere hinzubekommen.

Shermin Langhoff

Die Berliner Theatermacherin Shermin Langhoff ist neue Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin. Sie steht für junges und multikulturelles Theater - bislang nicht gerade Schwerpunkt des Gorki. Jetzt beginnt dort die neue Spielzeit.