- Barbara Klemm

Dort, wo Zeitgeschichte geschrieben wird, macht sie ihre Bilder, immer in schwarz-weiß. Viele der Fotografien von Barbara Klemm sind mittlerweile Ikonen. Jetzt eröffnet eine große Werkschau mit ihren Bildern im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Dresden am 19. Dezember 1989, Helmut Kohl spricht vor der Frauenkirche.

Es ist sein erster DDR-Besuch nach dem Mauerfall: bewegend und schauderhaft zugleich. Auch die Fotografin Barbara Klemm ist dabei, um für die FAZ zu fotografieren: In Schwarz-Weiß und ohne Blitz.

Barbara Klemm, Fotografin
"Das war nur noch angestrahlt vom Fernsehen, ein hartes Licht. Diese Massen, die mit den Fahnen. Dass da das Licht drauf lag, ist natürlich toll, und so ergibt das, als wäre es ein Schlachtenbild."


Barbara Klemm fotografiert seit den 50er Jahren, angefangen hat sie klassisch mit einer Fotografenausbildung - in Karlsruhe. Und sie wurde schließlich die Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihr Stil: totale Reduktion. Ein Bild - eine Geschichte.

1983 ist sie bei der Sitzblockade vor dem US-Raketenstützpunkt Mutlangen dabei. Und sie verweigert abermals den Einsatz von einem Blitzlicht?

Barbara Klemm, Fotografin
"Das stimmt. Das habe ich mein Leben lang gemacht, manchmal mit großer Angst, ob es reicht oder nicht. Bei Böll in Mutlangen hätte es nicht gereicht, wenn nicht ihr Kollege mit einer Handleuchte gekommen wäre um zu filmen und die Szene angestrahlt hatte. Das hat natürlich einen wunderbaren Effekt gegeben, von dem ich profitiert habe."


Barbara Klemm ist immer mittendrin, parallel portraitiert sie Künstler: Alfred Hitchcock spricht mit den Händen, der "Alpen-Beckett" Thomas Bernhard im Käfig seines Landhauses. Und Simone de Beauvoir. Andy Warhol ungewohnt schüchtern. Und Joseph Beuys portraitiert sie genau dort, wo nun ihre eigene Retrospektive zu sehen ist.

Barbara Klemm, Fotografin
"Wenn ich ein Portrait mache, muss ich mich sehr zurücknehmen, dass ich dem anderen Luft lasse, sich so geben zu können, wie er sich wohlfühlt. Also, dass man eigentlich gar nicht anwesend sein will, das ist die Anstrengung, die man dabei hat."


Man hat das Gefühl, Barbara Klemm war immer da, wo es passierte, zum Beispiel 1973 als der sowjetische Generalsekretär Breschnew das erste Mal nach Bonn kam.

Barbara Klemm, Fotografin
"Alle großen Kollegen standen vor der Türe. Und dann ergab sich diese Situation, dass dieses Gespräch, was sehr intensiv war, was eigentlich, der Programmablauf musste verändert werden, aber was ganz in der Zeitung klar war, also, dass das der Anfang der Verhandlungen der Ost-Verträge sind."


Und 1979 erwischte sie Leonid Breschnew beim Knutschen in Ostberlin. Der legendäre Bruderkuss. Ihr Vater, sagt Barbara Klemm, hat ihr den Blick vererbt, den schnellen und scharfen. Fritz Klemm war Maler und Professor an der Kunsthochschule in Karlsruhe.

Vor Ihrer großen Retrospektive muss Barbara Klemm nun vor Kameras Rede und Antwort stehen. Eigentlich mag sie kein Tam Tam, manche sagen auch, sie sei altmodisch, dabei hat sie schlichtweg eine Haltung, auch in puncto digitale Fotografie.

Barbara Klemm, Fotografin

"Wenn die Technik einen verführt, damit Massen zu machen und Sie haben hinterher ein Konvolut, wo Sie dann aus dieser Masse das beste Bild raussuchen sollen, dann funktioniert das meines Erachtens nicht oder sehr selten."


Für Barbara Klemm ist gute Fotografie: Verdichtung und Komposition. Sie reiste um die ganze Welt, verlor dabei aber nicht den Blick für das Wesentliche. Humor und Genauigkeit schließen sich in der fotografischen Arbeit nicht aus. Und manchmal hat sie sich auch reingemogelt, um nicht gleich aufzufallen.

Barbara Klemm, Fotografin
"Ich hab mich nie verschleiert, ich habe immer die Kamera in der Hand, ich habe nie aus der Hüfte geschossen, ich habe immer am Auge die Kamera gehabt. Was ich versuche ist, was man ja eigentlich nicht kann, ist mich unsichtbar zu machen."


Barbara Klemm hatte nie den Anspruch Kunst zu machen, aber ganz unbeabsichtigt ist aus ihrer Dokumentarfotografie, aus diesen "Ein-Bild-Geschichten" genau das geworden.


Autor: Sascha Hilpert

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