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Er war ein begnadeter Komponist und Dirigent. Im Konzerthaus Berlin stand Leonard Bernstein sieben Mal am Dirigentenpult - am 25. Dezember 1989, wenige Wochen nach dem Mauerfall, dirigierte er hier das berühmte "Berlin Celebration Concert" mit der 9. Sinfonie von Beethoven. Jetzt widmet das Konzerthaus Berlin Bernstein eine Hommage.
Es war ein magischer Moment - nicht nur für Leonard Bernstein. Der 25. Dezember 1989, Musiker aus Ost und West spielen Beethovens Neunte Symphonie.
Leonard Bernsteins Tochter Jamie ist nach Berlin gekommen, um an ihren Vater zu erinnern. Sie schwärmt von der Wärme und Liebe, die er gab. Auch wenn er häufig unterwegs war - und nicht immer über den Familienalltag im Bilde.
Jamie Bernstein
"Ich erinnere mich an einen Abend als ich 16 war. Mein Vater war an dem Abend der Einzige zu Hause. Ich ging in sein Studio, steckte den Kopf rein und sagte: 'Ich treffe mich mit Freunden. Bis später dann.' Und plötzlich sagte er: 'Sei bloß um zehn zu Hause.' Ich habe ihm ins Gesicht gelacht - er hatte einfach keine Ahnung, wann ich nach Hause komme. Um zehn jedenfalls nicht."
Leonard Bernstein war schon zehn, als er zum ersten Mal auf einem Klavier spielte - doch dann war es um ihn geschehen.
Legende und Lebemann. Dirigent, Pianist, Komponist.
Menschen, die ihm wichtig waren, widmete er kleine Kompositionen zum Geburtstag. Seine "Anniversaries".
Jamie Bernstein
"Mein Vater war kein guter Schläfer. Er schlief nie. Er war immer sehr lange auf und mitten in der Nacht ging er zum Klavier und komponierte kleine Stücke."
Nach Berlin kommt Leonard Bernstein immer wieder. Über die Jahre lernt er Deutsch. Seine stärksten Erlebnisse hat er im Osten der Stadt. Im gerade wiedereröffneten Konzerthaus tritt er 1984 erstmals auf. Als er erfährt, dass die meisten Karten an Funktionäre gehen, öffnet er die Generalprobe. Der Andrang ist riesig - und Bernstein erscheint in Joggingjacke.
Leonard Bernstein (1984)
"Recht herzlichen Abend. Guten Tag. Freut mich sehr, hier zu sein. Wir müssen etwas probieren. Es ist schon fast zwei Wochen her, dass wir diese Symphonie nicht gespielt haben."
Drei Jahre später öffnet Bernstein gegen den Willen der Funktionäre wieder eine Probe mit dem Concertgebouworkester Amsterdam. Auch Matthias Benker, damals Musikstudent, gelingt es, in den überfüllten Saal zu kommen. Ein Moment, der ihn bis heute berührt.
Matthias Benker, Bratschist Konzerthausorchester
"Gerade in der Zeit als die Mauer noch stand, war das auch so ein Riesengefühl der Hoffnung, das plötzlich da war. Er hatte die Autorität und er hat sie eingesetzt, weil er auch ein großer Humanist war, und das war auch die ganze Zeit über bei dieser Probe zu spüren. Und auch die Amsterdamer Kollegen, hatte man das Gefühl, die spielen auch um ihr Leben beziehungsweise wissen, das ist eine ganz besondere Probe."
Als 1989 die Mauer fällt, zieht es Bernstein schnell nach Berlin. Er will die Freiheit spüren, schlägt sich ein Stück aus der Mauer. An der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße zündet Bernstein, jüdischen Glaubens, Kerzen an - für seine Kinder und Enkel.
Jamie Bernstein
"Es war sehr kompliziert für meinen Vater, nach Deutschland zu kommen. Aber er kam ständig. Ich denke, seine Lebensphilosophie war, dass Musik alles Politische überwinden kann. Und das man durch Musik das Beste in jedem Menschen finden kann."
Aus der "Ode an die Freude" macht er die "Ode an die Freiheit". Beethoven wäre einverstanden, sagt Bernstein.
Leonard Bernstein (1989)
"Ich lebe ein Moment, historisches Moment. Unvergleichlich. Ein Weihnachten - unvergleichlich. In meinem langen, langen Leben."
Alle Menschen werden Brüder - in diesem Moment hat wohl nicht nur Leonard Bernstein daran geglaubt. Es war sein letzter Auftritt in Berlin.
Autor: Steffen Prell







