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Vor 90 Jahren wurde die Inflation in Deutschland gestoppt. Bis dahin verschwanden Vermögen über Nacht, Arbeiter und Angestellte wurden zu Sozialhilfeempfängern. Dieses "deutsche Trauma" hat der Historiker Frederick Tayler untersucht. Er beschreibt in seinem Buch, wie sich die Angst vor der Geldentwertung bis heute auf Politik und Gesellschaft auswirkt.
Der Schriftsteller Thomas Brussig - erprobt in Währungs-Stahlgewittern - auf dem Weg zum Bankautomaten. Brussig kennt das Gefühl von wertlosem Geld zwischen den Fingern. Die ersten 25 Jahre seines Lebens verbrachte er mit Alu-Chips. Dann kam die harte D-Mark und jetzt der nun ja "harte" Euro. Haben die Deutschen immer noch Angst vor Inflation?
Thomas Brussig, Schriftsteller
"Inflation ist für uns Deutsche ein Wort, wie für die Engländer Elfmeterschießen."
Thomas Brussig, Schriftsteller
"Weil eben die Inflation mit so überzeugenden Bildern besetzt ist und erzählt wird, lebt sie fort, und sie lebt im kollektiven Gedächtnis fort als etwas, was ganz ganz schlimm ist."
Tatsächlich - es sind diese Bilder, die in Deutschland Geschichte schrieben: LKW-Ladungen voller wertlosem Geld. Mit dem man so schnell wie möglich auf den Schwarzmarkt rennen muss, um einzukaufen, bevor es wertlos ist. Wettlauf mit der Inflation: Ein Rennen, das die Deutschen 1923 haushoch verloren haben.
Der britische Historiker Frederick Taylor hat internationale Bestseller über uns Deutsche verfaßt. Jetzt hat er die Geschichte der großen Inflation vor 90 Jahren aufgeschrieben. Es ist eine Erzählung über ein grausames Roulette, bei dem, kurz nach dem 1. Weltkrieg, die Deutschen und ihre schwache Regierung nur verlieren konnten. Egal worauf sie setzten - es gab nichts zu gewinnen. Was genau hat die Deutschen damals so traumatisiert?
Frederick Taylor, Historiker
"Wir sitzen hier in einem Casino. Alle Deutschen, Männer und Frauen, vor allem in den Jahren ’22 und ’23, mussten Hasardeure sein. Die mussten immer daran denken, wie bekomme ich einen Vorteil aus dieser Situation. Wie kann ich mein Geld loswerden, bevor es nichts wert ist. Und wenn man das nicht machen wollte, wenn man nicht bei Schiebereien oder solchen Dingen teilnehmen wollte, konnte oder wollte, also wenn man prinzipiell dagegen war, dann stand man dem Untergang gegenüber.“
Taylor erzählt von einer verhängnisvollen Logik, mit der die Deutschen ihre Währung zerstörten: Der verlorene Weltkrieg, die unbezahlbaren Reparationen, die internationale Isolation, die politischen Morde und Putschversuche im Inland und die panischen Bemühungen der Regierung, die Probleme mit der Notenpresse zu lösen.
Thomas Brussig, Schriftsteller
"Das muss ja auch eine richtige logistische Leistung gewesen sein, so viele Menschen mit so viel Geld zu versorgen, so viele Geldscheine zu drucken, bereitzustellen. Und dann auch beim Bäcker, dann werden die da den ganzen Tag über wohl nicht Brot gebacken, sondern nur Geld gezählt haben. Also, ich kann mir das eigentlich gar nicht mehr richtig vorstellen."
Angela Merkel
"Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind, auch dafür steht die Bundesregierung ein."
Klingen nicht genau so die Vorboten der Inflation? Brussig hat recht: Wir hatten sie fast vergessen, es ist ja schließlich schon so lange her. Bis zu jenem Sonntag im Oktober 2005, als die Kanzlerin erklärte, dass die Spareinlagen sicher sind und jeder Sparer sich in dem Moment unsicher war, ob die Einlagen denn nun wirklich noch sicher sind.
Und da war sie wieder: die German Inflationsangst. Taylor spricht in seinem Buch von der Geburt eines nationalen Traumas vor 90 Jahren, das bis heute lebt.
Frederick Taylor, Historiker
2Zum Beispiel war gegen Ende 2012 eine Umfrage unter Deutschen, was für Befürchtungen sie haben, so persönlich für ihr Leben. Also auf dem 1. Platz war mittellos im Alter zu sein und dazu hilflos, aber der 2. Platz war die Inflation."
Sind wir gerade dabei, unsere Geschichte zu wiederholen? Manchmal sieht es fast so aus.
Fünf Tage nach Merkels Ankündigung verlor Brussig einen Batzen Geld auf seinem deutschen Konto einer isländischen Bank. Als Opfer will er nicht gesehen werden, aber ein blaues Auge hat er sich geholt.
Thomas Brussig, Schriftsteller
"Diese Geschichte hat in mir insofern was zerstört, dass ich tatsächlich den politischen Versprechungen nicht mehr traue."
Bankenkrise, Staatsschulden, Rettungsschirme, Niedrigzins - kommen die Einschläge immer näher?
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber was sich wiederholt, ist das bedrohliche Gefühl von damals, die Dinge nicht mehr zu verstehen. Frederick Taylor plädiert dennoch für Gelassenheit und sieht uns weit entfernt vom Finanzkollaps.
Frederick Taylor, Historiker
"Die Hyperinflation kommt von Umsturz, von Krieg, von den ganzen Unruhen, von politischen Morden auf der Straße, das kommt von Putschversuchen, das kommt von der ganzen menschlichen und politischen Instabilität.“
Das Beruhigende an den Zeiten, deren Zeuge man sein darf, ist immer, dass man nicht weiß, wie sie enden. Und so sei Taylors Optimismus hiermit gekauft.
Die Hyperinflation endete 1923 mit der Einführung der Rentenmark. Es begannen die "Goldenen 20er". Dass die nicht lange dauerten ist bekannt - und eine neue Geschichte.
Autor: Ulf Kalkreuth







