- Renée Sintenis

Berliner kennen den kleinen Bären auf dem Mittelstreifen der A115 bei Dreilinden. Es ist derselbe Bär, der alljährlich als Preis der Berlinale an die Gewinner übergeben wird. Nur wenige kennen allerdings seine Schöpferin: Renée Sintenis. Das Berliner Kolbe Museum widmet der Bildhauerin jetzt eine Ausstellung.

Wer nach Berlin hinein fährt, wird von ihm willkommen geheißen: Der Berliner Bär. Seit 1957 wacht er hier am ehemaligen Grenzübergang Dreilinden - und winkt auch nach dem Mauerfall den Reisenden.

Hermann Noack, Bronzegießerei Noack

"Bin immer fröhlich, dass der da steht. Wenn ich von Westdeutschland komme, dann begrüßt er mich und dann winke ich und dann sage ich: 'Hallo Bär', und dann ist man ja auch schon wieder vorbei."


Zu diesem Berliner Bär hat Hermann Noack eine besondere Beziehung. Jedes Jahr wird die kleine Ausgabe des Autobahn-Bären in seiner Bronzegießerei für die Berlinale gefertigt. Und Hermann Noack hat die Frau, die die Bären geschaffen hat, noch kennen gelernt: Renée Sintenis.

Hermann Noack, Bronzegießerei Noack

"Die war groß, die war viel größer als ich und stattlich und forsch. Kam immer mit dem VW vorgefahren, rasant. Und war freundlich, nett, und wusste, was sie wollte."

Renée Sintenis: eine Aufsehen erregende Frau. 1,80 Meter groß, androgyn und sehr emanzipiert. Im Berlin der 20er Jahre wagt sie sich als eine der wenigen Frauen in eine Männerdomäne: die Bildhauerei. Und mit ihren kleinen Tierskulpturen wird sie in Berlins Kunstszene schnell berühmt.

Julia Wallner, Direktorin Georg-Kolbe-Museum
"Sie war unter den Künstlerkollegen von Anfang an eine anerkannte Persönlichkeit, war eng verbunden in die Szene der Weimarer Republik, die ja sehr lebendig war, hier in Berlin, die Brücke, die Expressionisten, Max Liebermann war noch am Leben. Rilke ist einer ihrer prominentesten Fürsprecher gewesen, auch Georg Kolbe hat ihr Werk geschätzt."


Für Georg Kolbe hat sie sogar Modell gestanden. In seinem ehemaligen Atelierhaus, das heute das Kolbe-Museum ist, bereitet Julia Wallner nun eine große Ausstellung vor, um an Renée Sintenis Werk zu erinnern. Und an ihr spannendes Leben: Sie trifft Albert Einstein, Ringelnatz schreibt Gedichte über sie. Ihr Kunsthändler ist der bekannteste der Weimarer Republik: Alfred Flechtheim. Bekennend schwul und feierfreudig. Sie ist seine wichtigste Künstlerin und darf nicht fehlen, wenn er wieder eine wilde Party schmeißt.

Zitat von Alfred Flechtheim

"Man nehme sehr viele schöne Frauen, fünf Mitglieder der Haute Banque, mehrere berühmte Rechtsanwälte, Dichter, Parlamentarier, die Sintenis und sehr viel Pfirsichbowle."

Inzwischen vermutet man, dass Sintenis lesbisch gewesen ist, bekannt hat sie sich nie. Verheiratet war sie mit dem Maler Emil Rudolf Weiß, der Anfang der 40er überraschend stirbt. Renée Sintenis verliert einen innigen Freund - und hat bis dahin schon einiges mehr erlitten. Mit der Machtübernahme der Nazis schwindet ihr Erfolg.

Julia Wallner, Direktorin Georg-Kolbe-Museum
"Ihre Großeltern mütterlicherseits waren jüdischer Abstammung, was sie zur Vierteljüdin macht. Sie hatte aber kein Berufsverbot, sie hat weiter gearbeitet. Allerdings unter extrem schweren Bedingungen."

Immer wieder porträtiert sich Sintenis selbst in dieser Zeit - und zeigt, welche Furchen der Krieg, der Verlust ihrer Freunde, hinterläßt.

Nach dem Krieg kommt der Erfolg zurück, ihre Tierskulpturen werden wieder entdeckt. Sie erhält das Bundesverdienstkreuz und den Auftrag einen Bären für Berlin zu gestalten.

Renee Sintenis arbeitet, wie schon vor dem Krieg, in der Bronzegießerei Noack. Die Produktion ihrer Statuen überwacht sie selbst - und  zwar sehr genau, erinnert sich Hermann Noack.

Hermann Noack, Bronzegießerei Noack

"Dann haben wir diese Wachsgüsse hier aufgebaut, und dann ist sie gekommen und hat die überarbeitet, so dass zu Lebzeiten ihre Sachen fast alle Originale waren, weil sie die immer ein bisschen verändert hat."


1965 stirbt Renée Sintenis. Ihre Bären aber sind geblieben, und werden im Februar, bei der Berlinale, wieder glänzen.


Autorin: Anna Bilger

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