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Filme, Theaterstücke, Opern, Performances und Installationen - Christoph Schlingensief war einer der vielseitigsten Künstler der Nachkriegszeit. Und einer der provakativsten. Was bleibt von ihm? Die erste Gesamtschau über Schlingensief versucht darauf eine Antwort zu geben.
So kannte man ihn: Christoph Schlingensief - ein rastloses Energiebündel, ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Er hatte mehr Ideen als Lebenszeit.
Was bleibt von ihm? Sein gigantischer Nachlass versetzt die Kunstwerke gerade in ein für Schlingensief typisches Chaos. Auf der Noch-Baustelle eröffnet am Wochenende seine erste umfassende Werkschau.
Vom MoMa in New York ist dafür Klaus Biesenbach angereist, Gründer der Kunstwerke und ein enger Wegbegleiter von Schlingensief.
Klaus Biesenbach. Kurator
"Der Christoph hat hier in der Auguststrasse mal eine Atelier-Wohnung gehabt, das muss 1999/2000 gewesen sein, er hat also auch hier gewohnt im Künstlerprogramm. Ich habe auch hier gewohnt, als Kurator. Irgendwann klopfte er morgens um 4 Uhr an die Tür und sagte: 'Ich sterbe, ich sterbe. Bring mich ins Krankenhaus.' Und ich habe gedacht, das sei so eine Aktion von ihm gewesen. Naja, ich habe ihn dann ins Krankenhaus gebracht, und er war wirklich krank."
Sein Leiden an der deutschen Wiedervereinigung verarbeitet der damalige Trashfilmer Schlingensief in "Das deutsche Kettensägen-Massaker".
Als dem Bildererfinder Schlingensief das Medium Film nicht mehr reicht, macht er Theater - und auch mal Politik.
Trotz spektakulärer Aktionen wie dem Schwimmen der Arbeitslosen im Wolfgangsee verpasste seine Partei "Chance 2000" den Einzug in den Bundestag.
Dafür schafft er es bis in den Olymp der deutschen Hochkultur: Er inszeniert 2004 in Bayreuth Wagners "Parzifal".
Im Hof der Kunstwerke wird jetzt seine Installation "Church of Fear" wieder aufgebaut - Schlingensiefs Reaktion auf den Terror in der Welt. Er wollte sich einmischen, mit allen künstlerischen Mitteln, das will die Ausstellung zeigen.
Klaus Biesenbach, Kurator
"Dass er ein Menschenbild hatte, einen Auftrag, durch alle seine Arbeiten, das wird einem sehr klar in der Ausstellung. Also, der rote Faden formal: Der Regissseur, der Bildergenerator, der Bildermacher. Und inhaltlich wirklich diese ungeheure Klarheit im Denken zu entscheiden: Was ist es eigentlich, was ich heute als Bürger verantwortlich tun muss, um mich als ein verantwortlicher Künstler in der Gesellschaft produktiv zu zeigen."
Sie teilte die letzten Jahre mit Christoph Schlingensief: Seine Frau Aino Laberenz gab nach seinem Tod Bücher über ihn heraus, sie vollendete eine vom ihm geplante Ausstellung im Biennale-Pavillon in Venedig, sie betreut das Operndorf in Afrika. Und entdeckt immer wieder neue Facetten seines Werks.
Aino Laberenz, Bühnenbildnerin & künstlerische Beraterin
"Ich merke immer wieder, durch ein bisschen Abstand, wenn ich dann wieder in Arbeiten und Bilder eintauche, wie wahnsinnig mutig der immer wieder von vorne gestartet hat, weil er an irgendetwas dran war. So erzählt sich das für mich, und das finde ich immens spannend. Gerade das so in einer Ausstellung zu sehen, was hat der eigentlich alles gemacht, das ist wirklich irrsinnig."
Für ihn gab es keine Grenzen zwischen Kunst und Leben - so ist es kaum möglich, das Werk von der Person Christoph Schlingensief zu trennen. Er erschuf Situationen - spontan und veränderbar, anders als eine Ausstellung.
Aino Laberenz, Bühnenbildnerin & künstlerische Beraterin
"Er hätte es sowieso anders gemacht, aber er ist nicht da. Trotzdem gibt es aber seine Arbeiten, und die zu verschließen oder nicht zugänglich zu machen oder nicht auszuprobieren, die in einer Ausstellung zu zeigen, ist für mich eigentlich keine Alternative."
In seiner lustvoll-provokanten Arbeitsweise war Christoph Schlingensief einzigartig. Beim Streifzug durch sein künstlerisches Vermächtnis fehlt nur einer schmerzlich - er selber.
Autor: Lutz Ehrlich










