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Mit dem sensationellen Fall der Sammlung Gurlitt ist eine neue Raubkunst-Debatte ausgebrochen. Hochaktuell ist da die neue Berliner Sonderausstellung über die verlorenen Schätze der Kunstsammlung von Max Liebermann. Der war nicht nur einer der wichtigsten Maler seiner Epoche, sondern auch Kunstsammler - bis die Nationalsozialisten seine Sammlung zerschlugen.
4. März 1943. Die unbeschwerten Tage in der Villa am Wannsee sind schon lange vorbei. Max Liebermann ist tot. Die Tochter lebt mit Familie in Amerika, und Martha Liebermann steht vor dem Abtransport nach Theresienstadt.
In diesen Morgenstunden schreibt sie ihren letzten Brief und nimmt sich das Leben. Das letzte Bild, das Max Liebermann von ihr malte, wird - wie ihr gesamter Besitz - drei Wochen später von der Gestapo beschlagnahmt - und taucht in der Inventarliste auf als Gemälde mit Dame. Fast 200 Werke von Menzel bis Manet sind aufgelistet. Die meisten sind seither verschwunden.
Martin Faass, Direktor Liebermann-Villa
"Es ist so, dass wir nur über die Spitze eines Eisberges sprechen, wir können ja immer nur über die Sammlungen sprechen, die identifiziert ist. Das macht ja einen großen Unterschied. Im Rahmen unserer Forschungen und der Erforschungen von Monika Tatzkow wissen wir jetzt, es befanden sich 254 Werke anderer Künstler in der Sammlung Liebermann."
Die verlorenen Schätze des Max Liebermann werden jetzt das erste Mal ausführlich dargestellt. Anhand von Fotos lässt sich genau dokumentieren, wo welches Bild hing - in der Villa am Wannsee oder in der Wohnung am Pariser Platz. Liebermann umgab sich mit allem, was er liebte, von Frans Hals über Rembrandt, von Menzel bis Degas.
Im Auftrag der Familie Liebermann untersucht Monika Tatzkow, wo die Werke heute sind. Und - sie soll nachweisen, dass aufgefundenen Bilder bis zur Beschlagnahmung 1943 Marta Liebermann gehörten und dass sie bis dahin einzelne Bilder nur unter Verfolgungsdruck verkauft hat.
MonikaTatzkow, Provenienzforscherin
"Mit wachsendem Druck auf Martha Liebermann, mit der zunehmenden Verschlechterung ihrer Lebenssituation als Jüdin, ihr nach wie vor nichts anderes übrig blieb, als Kunstwerke zu verkaufen, um an Bargeld zu kommen, um an Medikamente zu kommen."
Martha Liebermann war in einer ausweglosen Situation. Sie tauschte Bilder gegen Lebensmittel - wie diese Zeichnung von Max Liebermann. Die gab sie dem Feinkosthändler Schelenz, der sie in der 50er Jahren ans Kupferstichkabinett verkaufte. Dort hängt die Zeichnung bis heute.
Auch den "Stabsarzt" von Adolf Menzel musste Martha Liebermann in ihrer Not an die Nationalgalerie verkaufen. Die Graphik tauchte nach dem Krieg in München auf. Im Verwaltungsgebäude der NSDAP fanden die Alliierten hunderte Kunstwerke, die Hitler für sein Museum in Linz europaweit zusammengeraubt hatte. Die Alliierten beschlossen die Rückgabe an die Besitzer - auf dem Papier.
Georg Castell, Anwalt der Familie Liebermann
"Zwischen diesem rechtlichen Anspruch und der Realität klafft eine gewaltige Lücke. Im Fall Liebermann kann man sagen, dass im Rahmen der Rückgabe und Restitutionsgesetze nicht ein einziges zurückgegeben wurde. Es wurde immer behauptet, dass sei alles verloren, zerstört usw."
Jahrzehntelang wollte niemand ein Werk mit zweifelhafter Provenienz zurückgeben. Weder Museen noch Kunsthändler. Und so wird in diesen Tagen diese Zeichnung von Liebermann auf einer privaten Kunstauktion versteigert – obwohl sie noch immer den Erben gehört - Moralisch. Und juristisch? Die Washingtoner Erklärung von 1998 gilt nur für öffentliche Museen und...
Georg Castell, Anwalt der Familie Liebermann
"Sie ist kein Gesetz, das muss man ganz klar sagen. Man kann nicht auf der Grundlage der Washingtoner Erklärung einen rechtlich belastbaren Anspruch formulieren. Das geht schon mal damit los, dass der Betroffene gar nicht die Möglichkeit haben, ihre Ansprüche geltend zu machen, weil sie gar nicht die Informationen haben. Bis heute werden problematische Bestände von vielen Museen nicht veröffentlicht."
Die Alte Nationalgalerie ist eines der wenigen Museen, das Provenienzforschung betreibt und Werke an Liebermanns Erben zurückgab. Manets Bild des Herrn Arnaud dagegen wird wohl in Mailand bleiben. Italien hat die Washingtoner Erklärung nicht unterschrieben.
Und wozu verpflichten sich private Sammler wie die Nachfahren des Hildebrand Gurlitt? Zu gar nichts. Sie werden in Deutschland geschützt: Das Gesetz garantiert ihnen die Verjährungsfrist, und die Politik baut manchem sogar ein Museum. Wie in Bayern - das Georg-Schäfer-Museum. Dass dort eben jenes 1943 konfiszierte "Gemälde mit Dame" hängt, scheint nicht zu stören.
Georg Castell, Anwalt der Familie Liebermann
"Dass der bayrische Staat jetzt Sammlern von NS-Raubkunst Museen baut, das ist für mich einfach ein Widerspruch, und ich habe da manchmal das Gefühl, dass der Fall Gurlitt auch genutzt wird für ein großes Ablenkungsmanöver von der eigentlichen Problematik."
Das eigentliche Problem ist für den Anwalt der Familie Liebermann die Scheinheiligkeit, mit der über die verlorenen Kunstwerke diskutiert wird: Private Sammler und Museen schmücken sich gern mit einem Liebermann-Bild, viele wollen nur nicht so genau wissen, wo es herkommt.
Autorin: Marina Farschid










