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Berlin 1941: Der Berliner Otto Weidt betreibt in Berlin eine Bürstenfabrik. Seine Mitarbeiter sind fast alle blind - und Juden. Ein neues ARD-Doku-Drama zeigt, mit welcher List Otto Weidt damals versuchte seine jüdischen Mitarbeiter vor dem Zugriff der Gestapo zu bewahren.
Anfang der 40er Jahre in Berlin-Mitte. Eine Blindenwerkstatt, in der Besen und Bürsten produziert werden, wird eröffnet. Otto Weidt - ihr Inhaber. Es ist ein "wehrwichtiger Betrieb", die Besen werden hauptsächlich an die Wehrmacht verkauft. Mit einem komplizierten System aus legalen Geschäften, Schiebereien und Gefälligkeiten gelingt es Otto Weidt lange, seine 30 blinden und überwiegend jüdischen Mitarbeiter vor den Nazis zu schützen - einige kann er retten, wie seine Sekretärin Inge Deutschkron.
Inge Deutschkron
‚Wir waren ja eine Familie, es war unglaublich, Otto Weidt stand uns immer zur Verfügung, das heißt wenn wir Sorgen hatten gingen wir zu ihm - zu Papa Weidt, so nannten wir ihn."
Ein Dokudrama erzählt jetzt, wie es Otto Weidt immer wieder gelingt seine jüdischen Mitarbeiter vor der Deportation zu bewahren.
Inge Deutschkron kommt durch eine Empfehlung in die Blindenwerkstatt. Sie ist als Jüdin damals dazu verpflichtet Zwangsarbeit zu leisten.
Inge Deutschkron, ehemalige Mitarbeiterin von Otto Weidt
"Ich wurde ja darauf hingewiesen von einer Dame der jüdischen Gemeinde, die ihn kannte und die zu mir so unter der Hand sagte: 'Probier mal, Otto Weidt hat den Ruf, dass er gut ist zu Juden.'"
Anfangs arbeitet die 18-Jährige noch zehn Stunden bei IG Farben, doch sie sucht fieberhaft eine Möglichkeit der Fabrikarbeit zu entkommen.
Inge Deutschkron, ehemalige Mitarbeiterin von Otto Weidt
"Ich bin also eines Tages mit ganz hohen Absätzen zur Arbeit gegangen und dann kam ich also mit den hohen Absätzen zu der zehnstündigen Arbeitszeit und nach drei Tagen hat dieses rechte Knie hier knack gemacht und ward nicht mehr zu bewegen. Ich war selig, meine Mutter hat geschimpft. Und wo ging ich zuerst hin? Nicht zu meiner Mutter, natürlich zu Otto Weidt, und der strahlte über das ganze Gesicht, der strahlte nur so, das war so richtig nach seinem Geschmack, nicht."
Mit viel List und vor allem durch Bestechung gelingt Otto Weidt das Unmögliche.
Inge Deutschkron, ehemalige Mitarbeiterin von Otto Weidt
"Das ist für meine Begriffe die Hauptsache, dieses Bestechen. Und außerdem: Otto Weidt verstand es so großartig mit diesen Leuten zu reden, als ob er genauso denkt wie sie. Und wie er sie einlud: 'Kommen sie öfter und sehen sie doch mal an, was ich alles aus diesen Juden gemacht habe." Und immer wenn die weg waren, haben wir alle samt gebrüllt vor Lachen,allesamt."
Hinterher entschuldigt sich Otto Weidt immer dafür, dass er bei Kontrollen der Gestapo den überzeugten Nazi gegeben hat.
Woher kommt sein Mut? Seine Menschlichkeit? Ende 50 ist er damals, gelernter Maler. Politisch aktiv, seit seiner Jugend Anarchist, später überzeugter Antifaschist.
Inge Deutschkron, Journalistin & Autorin
"Uns hat er immer erzählt, er sei auch Pazifist, natürlich, er würde nie eine Waffe in die Hand nehmen und hat immer wieder vor uns gesagt: Alle Menschen sind gleich, kein Mensch hat das Recht dem anderen das Leben zu verwirken und so, und hat uns das so richtig eingebleut, das war das, was ihm eigentlich Kraft gab, diese Gedanken."
Diese Kraft treibt Otto Weidt an. 1944 reist er nach Auschwitz. Scheinbar unmöglich, doch er will seine Mitarbeiterin und Geliebte Alice Licht befreien. In einer Pension hinterlegt er für seine Geliebte Kleidung und Geld.
Das Wunder gelingt - Alice Licht überlebt und emigriert 1946. Otto Weidt stirbt ein Jahr später. Und wird vergessen.
Inge Deutschkron, Journalistin & Autorin
"Es war ja keiner außer mir und Alice, die ist allerdings sofort nach Amerika gegangen, die er gerettet hat, er hat sie aus dem KZ gerettet, ist sofort weggegangen, wie die meisten, die gerettet worden sind und gesagt haben, bloß raus aus Deutschland nach diesen Erfahrungen. Und dadurch: Wer sollte sich an ihn erinnern, nicht wahr?"
Die Werkstatt von Otto Weidt ist heute ein Gedenkort. Erst vor acht Jahren wurde sie auf die Initiative von Inge Deutschkron errichtet. Mehr als 60 Jahre hat es gedauert um an diesen Helden zu erinnern.
Autorin: Bettina Lehnert







