- 'Das radikal Böse'

Der Filmregisseur Stefan Ruzowitzky untersucht in seiner neuen Dokumentation, was ganz junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg dazu brachte, massenhaft zu töten und ganze Dörfer auszulöschen. Dabei erzählt er von den systematischen Erschießungen jüdischer Zivilisten in Osteuropa und analysiert, welche Mechanismen dazu führen, dass Töten Alltag wird.

Filmszene aus "Das radikal Böse"
"Ich war der Meinung, dass ich die Angelegenheit überwinden würde und die Juden auch ohne mich Ihrem Schicksal nicht würden entgehen können."
"Männer, Kinder, Frauen, alle umgelegt. Die Juden werden gänzlich ausgerottet. Liebe Heidi, mach dir keine Gedanken, es muss so sein."


Warum werden junge Männer zu Massenmördern? Erschießen Kinder und Frauen, obwohl sie selbst Familienväter sind? Fragen, die sich der Filmemacher und Historiker Stefan Ruzowitzky schon lange gestellt hat.

Stefan Ruzowitzky, Regisseur
"Eigentlich bin ich da schon drauf gestoßen bei den Recherchearbeiten für 'Die Fälscher', also auf diesen Ansatz, nicht wer hat was wann wo gemacht, sondern dass die Frage nach den psychologischen Hintergründen sehr interessant ist, weil als Geschichtenerzähler, Filmemacher man ja dauernd überlegt: Was ist die Motivation von Menschen? Warum tun Menschen, was sie tun? Warum tun sie Böses?"

Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei ermorden ab 1941 in Osteuropa die zwei Millionen Juden.

Es gibt kaum noch Zeugen, nur wenige Fotos. Stefan Ruzowitzky hat daher Statisten gefilmt, nutzt ihre Gesichter als Projektionsfläche. Dazu sprechen Schauspieler Zitate der Täter - aus Briefen und Tagebüchern.

Am Anfang zweifeln sie noch an diesen Morden. Doch das vergeht schnell.

Filmszene aus "Das radikal Böse"
"Während des Erschießungsvorganges wurde mir so übel, dass ich mich erbrechen musste. Was machen wir bloß? Was machen wir bloß?"
"Später fand man, nachdem sich die Leute ans Erschießen gewöhnt hatten, genug Freiwillige."


Wie kann man so grausam werden, warum gewöhnen sich die Männer so schnell an das Morden? Stefan Ruzowitzky befragt renommierte Historiker, Juristen und Psychologen.

Filmszene aus "Das radikal Böse"
Dave Grossman, Militärpsychologe
"Je mehr sie schreckliche Dinge tun, umso mehr müssen sie daran glauben, dass ihre Führung recht hat.“

Christoph Browning, Historiker
"Sobald sie diese Schwelle überschritten hatten, wird das was sie tun, zur Routine... Das ist das erschreckendste Ergebnis meiner Studien, wie schnell es normal wurde."


Das Töten wird als "Arbeitsalltag" gerechtfertigt, als normal empfunden - auch weil es am helllichten Tag geschieht.

Stefan Ruzowitzky, Regisseur
"Ich glaube, dass es wirklich wichtig ist für das Verständnis dieser Täter, dass diese Morde in einem freundlichen Umfeld passiert sind, das war im Sommer, im Hochsommer, wunderschöne Landschaft. Alle diese Morde sind passiert tagsüber, da sind Zuseher."

Filmszene aus "Das radikal Böse"
"Nach einiger Zeit sahen wir zahlreiche Soldaten und Zivilisten auf einen Bahndamm zuströmen, hinter dem, wie uns mitgeteilt wurde, laufend Erschießungen vorgenommen wurden. In weitem Umkreis standen dort Soldaten bereits liegender Truppenteile, teilweise in Badehosen, ebenso zahlreiche Zivilisten mit Frauen und Kindern."


Was die Bereitschaft zum Töten erhöht, das will der Film "Das radikal Böse" auch anhand psychologischer Experimente erklären. Etwa das bekannte Milgram-Experiment: Teilnehmer versetzen einem anderen immer stärkere Stromstöße, weil es eine Autoritätsperson befiehlt.

Gruppendruck, Autoritätshörigkeit, die Abgrenzung vom Opfer steigern die Bereitwilligkeit zum Morden - und doch gab es immer wieder diejenigen, die sich verweigerten und nicht bestraft wurden.

Filmszene aus "Das radikal Böse"
"Es war auch nicht so gewesen, dass wenn jemand sich einmal geweigert hat, er gleich an die Wand gestellt worden wäre."
"Durch mein Verhalten hatte ich den einzigen Nachteil, dass ich wesentlich mehr Wache schieben musste.“


Stefan Ruzowitzky, Regisseur

"Das was immer Hoffnung gibt, dass es immer ein paar gab, die nicht mitgemacht haben und die dadurch beweisen, dass war kein unausweichliches Schicksal. Man hat sehr wohl eine andere Position einnehmen können."

"Das radikal Böse" - ein Film, der aufwühlt. Er will erinnern und mahnen, es hängt von dem Mut jedes einzelnen ab, ob er in Zeiten der Unmenschlichkeit menschlich bleibt.


Autorin: Anna Bilger

weitere Themen der Sendung

Herfried Münkler: "Der Große Krieg"

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Es war ein grausamer Krieg, in dem mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten kämpften. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat jetzt eine Gesamtgeschichte über diesen "Großen Krieg" geschrieben und erklärt darin, warum dieser Krieg Europa bis heute prägt.

Hagen Stoll

Er war Türsteher, Kleinganove, Sprayer und vor allem bekannt als der Rapper aus dem Osten "Joe Rilla". Mittlerweile steht Hagen Stoll als Sänger der Deutsch-Rock-Band "Haudegen" auf der Bühne. In seiner Biografie "So fühlt sich Leben an" erzählt er von seiner Jugend in der Nachwendezeit und seinem Weg zum Musiker.

Klassenzimmerstücke des Deutschen Theaters

Wenn junge Leute nicht ins Theater kommen, dann kommt das Theater eben zu ihnen. Das Deutsche Theater Berlin produziert "Klassenzimmerstücke" für Berliner und Brandenburger Schulen. Sie sind die meistgespielten Inszenierungen des Theaters - auch wenn sie in keinem offiziellen Spielplan auftauchen.

Hans Jürgen Gaudeck

Die Lyrikerin Evas Strittmatter war eine der meistgelesenen Autorinnen der DDR und großer Fontane-Fan. Sie lebte viele Jahre auf dem Schulzenhof in der Nähe von Neuruppin. Und genau an diesen Ort kam eines Tages der Aquarellmaler Hans-Jürgen Gaudeck, der poetische Bilder davon malte.