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Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Es war ein grausamer Krieg, in dem mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten kämpften. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat jetzt eine Gesamtgeschichte über diesen "Großen Krieg" geschrieben und erklärt darin, warum dieser Krieg Europa bis heute prägt.
Der Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien am 4. August 1914 sollte wie eine reinigende Gewitterwolke sein, ein kurzer Krieg mit einem schnellen Sieg. Vier Jahre später sind ganze Imperien untergegangen. Ein regionaler Krieg wurde zum Ersten Weltkrieg und riss einen ganzen Kontinent in den Abgrund. Für den Politologen Herfried Münkler die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
"Ohne 1914, ohne diesen Kriegsbeginn, wäre die europäische Geschichte sicherlich anders gelaufen. Und wenn man das zuspitzt, dann würde das heißen, kein Nationalsozialismus, kein Stalinismus, kein Bürgerkrieg in Russland, kein Erster Weltkrieg, kein Zweiter Weltkrieg. Kurzum, ungefähr geschätzt, 100 Millionen Tote nicht. Das beschreibt schon, welche ungeheure Bedeutung dieser Kriegsausbruch für den Verlauf des ganzen Jahrhunderts gehabt hat.“
"Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das ganze 20. Jahrhundert ein Rätsel bleiben", schreibt Herfried Münkler in seinem bestsellerverdächtigen Buch "Der Große Krieg".
Auf 900 Seiten entwirft er ein monumentales Zeitpanorama der Welt zwischen 1914 und 1918. Sein Fazit, der Erste Weltkrieg war nicht unvermeidlich. Er fand statt, weil die politischen Eliten versagten, Deutschland unter Niedergangsängsten und Einkreisungsobszessionen litt. Die Häufung von Fehlurteilen und Zufällen, die in diesen Krieg führten, sind erschreckend.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
"Die Deutschen haben einen russischen Spion in der Botschaft in London und erfahren darüber, dass es Gespräche zwischen den Briten und den Russen über eine Marinekonvention gibt. Bethmann Hollweg lässt sagen, das berührt vitale Interessen des Deutschen Reiches und der englische Außenminister Grey sagt, wir führen diese Gespräche gar nicht. Bethmann Hollweg weiß von diesem Zeitpunkt an, wir werden belogen. Und es erschüttert sein Vertrauen in die Briten, aber auch sein Vertrauen in seine eigene Politik."
Reichskanzler Bethmann Hollweg, ein Mann der Zurückhaltung und Mäßigung, wird unsicher. Hat Generalstabschef Moltke Recht, der zu einem Präventivkrieg rät?
Münkler sieht die Politiker Europas 1914 in einer "Fatalismus-Falle". Überzeugt davon - irgendwann kommt es ohnehin zum Krieg - machen sie mobil. Die These vom systematischen Hinarbeiten Deutschlands auf diesen Krieg lässt sich nicht halten.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
"Die Deutschen haben gerade mal 50 Prozent der wehrtüchtigen jungen Männer wehrtüchtig ausgebildet. Das haben sie unter anderem darum nicht getan, weil, wenn sie das getan hätten, es dazu geführt hätte, dass sehr viele Bürgerliche Offiziere geworden wären, was fast noch schlimmer ist, sehr viele Sozialdemokraten Unteroffiziere. Das heißt, es wäre eine andere Armee gewesen. Das führt dazu, dass sie im Prinzip zu wenige Männer im August / September 1914 haben, es fehlen ihnen unterm Strich drei Armeekorps, die sie gebraucht hätten."
Ihre zahlenmäßige und materielle Unterlegenheit versucht die deutsche Seite durch ein schnelles und besser organisiertes Handeln wettzumachen. Sie ignoriert die kluge Einsicht des Militärhistorikers Clausewitz, dass es nie so läuft wie geplant und steckt 1915 in einem Stellungskrieg fest. Chancen auf einen Vertragsfrieden werden verspielt. Den deutschen Politikern fehlen die Kraft und der Mut, zuzugeben, dass das Projekt gescheitert ist.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
"Es hat während des Krieges mehrfach den Augenblick gegeben, wo man den Griff nach der Notbremse hätte machen sollen. Also, zu sagen, Kampfhandlungen beenden, Truppen zurück auf Status quo ante und na gut, das Problem ist natürlich, wie erkläre ich das der Bevölkerung, dass Hunderttausende von Männern gefallen sind, schwer verwundet sind, verstümmelt worden sind für nichts. Davor schrecken die Politiker zurück.“
Als Macht in der Mitte Europas hätte das Deutsche Reich eine besonders achtsame und moderierende Politik betreiben müssen. Aber in den entscheidenden Augenblicken tat sie das genaue Gegenteil, schreibt Herfried Münkler in seiner beeindruckenden Analyse. Nach den Waffenstillstandsverhandlungen 1918 ist klar, Deutschland hat seine führende Macht in Europa verloren.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
"Es war das Pech der Deutschen, dass sie sich in diesen Krieg haben verwickeln lassen, dass sie bei der Entstehung dieses Krieges auch noch eine so verheerende Rolle gespielt haben. Wäre es ein friedliches Jahrhundert geworden, dann hätte das Deutsche Reich wahrscheinlich eine sehr bemerkenswerte und fulminante Entwicklung gemacht."
"Der Große Krieg" erzählt, wie das Zusammenspiel von Angst und Unbedachtsamkeit, Hochmut und grenzenlosem Selbstvertrauen die Deutschen auf einen Weg führte, auf dem schließlich keine Umkehr mehr möglich schien. Ein Irrtum, der 17 Millionen Menschen in Europa das Leben kostete.
Autorin: Gabriele Denecke







