- Hagen Stoll

Er war Türsteher, Kleinganove, Sprayer und vor allem bekannt als der Rapper aus dem Osten "Joe Rilla". Mittlerweile steht Hagen Stoll als Sänger der Deutsch-Rock-Band "Haudegen" auf der Bühne. In seiner Biografie "So fühlt sich Leben an" erzählt er von seiner Jugend in der Nachwendezeit und seinem Weg zum Musiker.

Als Rapper "Joe Rilla" irritierte der Berliner Musiker Hagen Stoll mit dem Bild des Ghetto-Jungen aus Marzahn, mit Bomberjacke und Glatze. Er bediente rechte Klischees, obwohl er mit dieser Szene nie etwas zu tun hatte. Heute ist er Sänger der Band "Haudegen" und lebt in Köpenick. Für uns kehrt er nach Marzahn zurück.

Hagen Stoll, Musiker
"Das ist meine Kinderstube, mein Zuhause. Ich fühle mich hier auch immer noch heimisch. Wenn ich in Erinnerungen schwelge, dann ist das ein Ort, von dem ich sagen kann, ich bin hier zu Hause."

Anfang der 80er ziehen seine Eltern in die Platte nach Marzahn - er ist fünf Jahre alt. Sein Vater Grenzsoldat der NVA, ein überzeugter Sozialist. Er glaubt an das DDR-System, in dem sein Sohn als guter Pionier aufwächst.

Hagen Stoll, Musiker
"Ich komme aus einer Arbeiterklasse-Familie. Ich gehörte zu der letzten Generation, die im Sportunterricht die vormilitärische Ausbildung mitgemacht hat und Stabgranaten auf den imaginären Feind geschmissen hat."


In seinem Buch erzählt er davon, wie er aufgewachsen ist, wie die Mauer fällt. Da ist er 14, sieht die Bilder der offenen Grenze im Fernseher. Heute ist er stolz auf seinen Vater, der damals Dienst hatte.

Hagen Stoll, Musiker

"Weil er ja damals zur Wendezeit, das hat er mir dann später erzählt, in seine Dienststelle gefahren ist und die Waffen von der Munition geleert hat in weiser Voraussicht, dass die Kollegen vielleicht zur Waffe greifen könnten. Und das ist für mich couragiertes Verhalten und darum ist mein Vater für mich ein Held."

Die Zeit nach dem Mauerfall ist für Hagen Stoll eine Zeit der Entscheidungen. Freunde von ihm schließen sich rechtsradikalen Gruppen an, hören Nazi-Rock, er ist fasziniert von der Hip-Hop-Kultur, grenzt sich damit ab. Er will Künstler werden.

Hagen Stoll, Musiker
"Ich war Graffiti-Sprüher, hatte lange Haare. Ich war verrufen als die Zecke, und die Zecke ist halt der Linke, der Alternative, der Künstler vielleicht auch schon. Und wenn ich sage, dass ich auch das ein oder andere Mal um mein Leben gerannt bin, dann sage ich das nicht einfach so daher, denn so hat es sich damals für mich angefühlt. Und ein paar Freunde von mir sind dabei auch zu Schaden gekommen und sogar ums Leben gekommen.
"

Er hat viel falsch gemacht, auch das erzählt der 38-jährige in seinem Buch "So fühlt sich Leben an". Die Lehre als Stuckateur bricht er ab, verdient sein Geld zeitweise mit geklauten Autoteilen und als Türsteher.

Doch mittlerweile kann der Vater von zwei Kindern von seiner Musik leben und wohnt in Köpenick - und ist zufrieden, mit dem, wohin das Leben ihn geführt hat. 

Hagen Stoll, Musiker
"Nach all dem, was ich erlebt habe, kann ich heute sagen, ich bin ein ausgeglichener Mensch, habe Erfolg, mit dem was ich tue. Ich bin da stolz drauf, meine Familie ist da stolz drauf und mehr brauche ich nicht und mehr braucht auch kein Mensch."


Hagen Stoll scheint angekommen zu sein, in seinem Buch erinnert er an harte Zeiten. Er beschreibt eine ostdeutsche Nachwendejugend, erzählt von den Versuchungen und davon, wie schwer es ist, seinen Weg zu finden.


Autorin: Hanna Stompe 

weitere Themen der Sendung

Herfried Münkler: "Der Große Krieg"

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Es war ein grausamer Krieg, in dem mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten kämpften. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat jetzt eine Gesamtgeschichte über diesen "Großen Krieg" geschrieben und erklärt darin, warum dieser Krieg Europa bis heute prägt.

"Das radikal Böse"

Der Filmregisseur Stefan Ruzowitzky untersucht in seiner neuen Dokumentation, was ganz junge Soldaten im Zweiten Weltkrieg dazu brachte, massenhaft zu töten und ganze Dörfer auszulöschen. Dabei erzählt er von den systematischen Erschießungen jüdischer Zivilisten in Osteuropa und analysiert, welche Mechanismen dazu führen, dass Töten Alltag wird.

Klassenzimmerstücke des Deutschen Theaters

Wenn junge Leute nicht ins Theater kommen, dann kommt das Theater eben zu ihnen. Das Deutsche Theater Berlin produziert "Klassenzimmerstücke" für Berliner und Brandenburger Schulen. Sie sind die meistgespielten Inszenierungen des Theaters - auch wenn sie in keinem offiziellen Spielplan auftauchen.

Hans Jürgen Gaudeck

Die Lyrikerin Evas Strittmatter war eine der meistgelesenen Autorinnen der DDR und großer Fontane-Fan. Sie lebte viele Jahre auf dem Schulzenhof in der Nähe von Neuruppin. Und genau an diesen Ort kam eines Tages der Aquarellmaler Hans-Jürgen Gaudeck, der poetische Bilder davon malte.