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Wenn junge Leute nicht ins Theater kommen, dann kommt das Theater eben zu ihnen. Das Deutsche Theater Berlin produziert "Klassenzimmerstücke" für Berliner und Brandenburger Schulen. Sie sind die meistgespielten Inszenierungen des Theaters - auch wenn sie in keinem offiziellen Spielplan auftauchen.
Es ist morgens um 9. Carolin Schupa und Thomas Schumacher sind auf dem Weg nach Hermsdorf. Die Schauspieler des Deutschen Theaters wollen in einem Klassenzimmer ein Theaterstück aufführen und so Vorurteile abbauen. Denn viele Jugendliche meinen, Theater sei uncool. Ein Besuch der Schauspieler ändert das meistens.
Carolin Schupa, Schauspielerin
"So kriegt man auch Leute ins Theater, die sonst nicht ins Theater gehen. Wir hatten einmal letzte Woche oder so eine ziemlich gute Vorstellung, wo die Lehrerin danach gefragt hat, wer würde denn jetzt ins Theater gehen, und wo die alle aufgestanden sind. Das war süß."
Eine Stunde dauert die Anreise. Im Koffer ihre Requisiten. Es geht in die Georg-Herwegh-Oberschule. Theater - Garderoben gibt es hier keine, alles wird improvisiert. Dieser Auftritt ist anders als alle anderen.
Carolin Schupa, Schauspielerin
"Im Theater kommt das Publikum zusammen in einen Raum, der für sie fremd ist, und das Publikum kennt sich auch nicht und man ist auch so geschützt, weil es dunkel ist im Zuschauerraum und man hat da die Bühne und kann sich das angucken. Und hier sind wir ja die Fremden, die in ein festes Klassengefüge reinkommen, die kennen sich alle und die kennen den Raum und wir benutzen plötzlich deren Sachen, wie die Tafel, in einem ganz anderen Zusammenhang."
Auf die Tafel wird das Bühnenbild projiziert. Die Dramaturgin hilft beim Tische rücken. Gespielt wird mitten im Raum. Die Regieassistentin verteilt die spärlichen Requisiten. Die Gruppe hat für die Vorbereitungen nur eine halbe Stunde Zeit, dann ist die große Pause vorbei und es geht los.
Im Stück "Cherryman jagt Mister White" geht es um Rechtsradikalismus und Mitläufertum. Carolin und Thomas spielen alle Rollen.
Carolin Schupa, Schauspielerin
"Wir vom Heimatschutz wollen da einfach nicht mehr tatenlos zusehen. Immer noch kommen monatlich hunderte von russischen Juden nach Deutschland, um sich auf unsere Kosten einen schönen Sabbat zu machen."
Dann erzählen sie von einem Jungen, der von den Rechtsradikalen erpresst wird und ihnen bei einem Anschlag helfen soll. Er gerät in Panik und wird selber zum Täter. Ein bis dahin Unschuldiger bringt die Männer vom Heimatschutz mit einer Kettensäge um.
Carolin Schupa, Schauspielerin
"Ich sehe ihre erschrockenen Gesichter vor mir, für einen Moment halten alle inne."
Thomas Schumacher, Schauspieler
"Der erste, der sich wehren will, ist Mario, ich erwische ihn am Bauch. Die anderen versuchen es gleichzeitig. Ich schlage mit der Säge um mich."
Carolin Schupa, Schauspielerin
"Als ich den Motor ausstelle, sind alle tot bis auf Mario."
Nach einer Stunde ist alles vorbei.
Thomas Schumacher, Schauspieler
"Der Applaus fällt halt immer sehr kurz aus, aber dass man so nah an den Kindern dran ist und mit ihnen diese Geschichte durchlebt und dass man die so mit ins Boot reinholt, hat man so das Gefühl dass man... es ist ein direkterer Austausch, man bekommt was zurück irgendwie."
Nach der Vorstellung diskutieren die Schüler mit dem Schauspiel-Team über die Geschichte. Alle sind sich einig: Ein Klassenzimmerstück ist viel spannender als ein gewöhnlicher Besuch im Theater.
Karen Marschner, Schülerin
"Ich fand es hier irgendwie besser, weil wir so weniger Leute waren, es war engere Atmosphäre, weil man näher an dem Schauspiel dran war. Und das hat mir sehr gut gefallen."
Emily Greth, Schülerin
"Man merkt jetzt, dass man nicht viel braucht, um ein gutes Stück zu inszenieren, das halt künstlicher Rasen und ein paar Pflanzen reichen, um eine Geschichte rüberzubringen."
Hauke Hoffmann, Lehrer
"Was nehmen die Schüler mit? Sie kriegen auf jeden Fall mit, dass Theater etwas sehr Lebendiges ist, nichts das in Kulturtempeln abläuft, sondern etwas, dass auch mit ihrer Wirklichkeit zu tun hat."
Dank ihres Auftritts im Klassenzimmer haben Carolin Schupa und Thomas Schumacher viele junge Fans gewonnen und bewiesen: Theater ist nicht nur was für Erwachsene.
Autorin: Kathrin Schwiering







