-
Als er sie geschrieben hatte, legte er sie erst mal in den "Deep Freezer", in die Tiefkühltruhe, wie Max Frisch sagte. Denn seine Tagebücher aus der Berliner Zeit sollten erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden. Nun ist es so weit: Dieser literarische Schatz aus dem Nachlass des Schweizer Schriftstellers kommt auf den deutschen Buchmarkt.
Max Frisch ist ein Meister der Beobachtung. In seinem jetzt veröffentlichen Tagebuch schaut er auf seine Kollegen, aber auch auf sich selbst - offen und schonungslos.
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Privat ist zum Beispiel Liebe, privat ist Sterben, das sind Dinge, die von einem ich her erlebt werden müssen - insofern stellt sich der Schreiber aus."
"Gelegentlich wundere ich mich, dass ich 62 werde. Kein körperliches Gefühl davon, dass es in wenigen Jahren zu Ende ist. Wie bei einem Blick auf die Uhr: So spät ist es schon?"
"Gestern mit Uwe Johnson hier in Friedenau. Es stimmt nicht, dass im Alter keine neue Freundschaften mehr entstehen."
Im Februar zieht Max Frisch mit seiner Frau Marianne nach Friedenau, in die Sarrazinstraße.
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Die Hormone und die Sprache! Tatsachlich wird jeder Satz unsinnlich… Die Sprache, die ich schreibe, hat zu wenig Körper.... Bin ich, infolge meines Alters, so unspontan? Offenbar ja, zumindest am Schreibtisch, wo ich mich am wohlsten fühle, wo ich es nicht merke; ich merke es erst, wenn ich es nachlese."
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Zu sagen wäre, dass diese Art Tagebuch von vorn herein geschrieben wird, mit dem Bewusstsein, es zu veröffentlichen."
Selbstzweifel und Ängste auch gegenüber seiner Frau Marianne, die 28 Jahre jünger ist als er.
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Die Rechnung andersherum. Eine Frau von 38 hat noch die volle Möglichkeit mit einem zweiten Partner. Das wäre in vier Jahren. Keine Ahnung, ob M. auch diese Rechnung anstellt; sie auch nur ein einziges Mal auszusprechen wäre lächerlich. Dabei liegt sie zwischen uns auf dem Küchentisch, wahrend wir genießen."
In direkter Nachbarschaft wohnt auch Günther Grass.
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Er ist in hohem Grad isoliert. Dabei im privaten Umgang ganz schlicht, auf natürliche Art bescheiden privat, bedürftig nach Sympathie... Wenn der Kreis größer ist, wenn Fremde zugegen sind, kann er nicht umhin, redet als Instanz: Germany’s Gunter Grass. Ich treffe kaum jemand, der mit Sympathie von ihm spricht, das Freundlichste ist Bedauern."
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Wenn ich Zuhause bin, arbeite ich fast nur in die Maschine, weil es den Text sofort mehr distanziert, die Handschrift hat immer was trügerisch Intimes."
Immer wieder besucht Max Frisch seine Freunde in Ostberlin.
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Ein loyal-ironisches Verhältnis zu diesem Staat, das Thema hängt ihnen etwas zum Hals heraus, auch die Polemik gegen den Westen. Wieviel sie dann wissen durch West-Fernsehen, wieviel sie kennen von amerikanischen Filmen, wieviel Interesse für Thematik, die nicht mit Sozialismus-Kapitalismus zu entziffern ist."
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Treffen mit Christa Wolf. Ihre neue Art, offen zu reden, ohne Zweifel loyal gegenüber dem System, kritisch-offen. Nicht aufdringlich, nur ebenso offen ist ihre Überzeugung, dass die Leute hier humaner sind, Menschen. Dies ohne Polemik gegen den Westen. Unser Gespräch, auch bei Sympathie, bleibt sorgsam, nicht ohne Scherz."
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Ich bin angewiesen auf den gleichen Tisch, auf die gleiche Umgebung, die braucht nicht besonders schön zu sein. Ich brauche das was man eine Werkstatt nennt."
Max Frisch, "Aus dem Berliner Journal"
"Uwe und Elisabeth Johnson; sie sagen: Herr Frisch (was bei ihnen eine Formel der Intimität ist), wir haben den Eindruck, Sie leben nicht mehr lang. Meinerseits keine Rückfrage, warum sie den Eindruck haben; eine stille Erleichterung, die nicht überspielt werden muss. Es bleibt unter uns."
Autorin: Yvonne von Kalinowsky








