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Er riskierte für die Freiheit alles - sein Leben und seine Familie. Erhard Schelter schwamm eine Nacht durch die Ostsee, um von der DDR in die Bundesrepublik zu kommen. Die Dokumentation "Über das Meer" zeigt seine spektakuläre Flucht und die Gefahren, die alle Menschen damals auf sich nahmen, um dem Unrechtsstaat zu entfliehen.
Es ist ein Moment, der über Leben und Tod entscheidet. Zwei Männer warten auf die Dunkelheit. Sie wollen fliehen. Schwimmen - durch die Ostsee in den Westen. 30 Kilometer durch eiskaltes Wasser. Getarnt mit einer Decke robben sie über den streng bewachten Strand. Sie lassen alles hinter sich: Familie, Freunde. Für die Freiheit.
Erhard Schelter ist einer dieser Männer, die ihr Leben riskierten. Über Jahre war sein Entschluss gereift. In der DDR gilt er als unangepasst, wird bespitzelt und schikaniert. Er versucht sich zu arrangieren. Doch in diesem Land sieht er keine Zukunft.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Und wenn ich eingeengt werde und dann noch bespitzelt werde, dann ist das Maß voll. Das ertrage ich nicht."
Erhard Schelter wächst in Rostock auf. Motorräder und alte Autos sind sein Hobby. Sein großer Traum ist es, zur See zu fahren. 14 Mal bewirbt er sich. Und wird "aus kaderpolitischen Gründen" abgelehnt. Als die Stasi ihn erpresst, steht für ihn fest: Er muss raus.
Erhard Schelter, früher Leistungsschwimmer, bereitet sich zwei Jahre lang vor, beobachtet die Abläufe der Grenzpatrouillen, trainiert vor den Augen der Wachposten.
Bei einem dieser Tauchgänge begegnet er Volker Hameister.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Als ich mir dann so die Brille und alles gerade fertig machen wollte, sah ich, wie einer aus dem Wasser kam. Auch in voller Tauchermontur. Ich wusste im Moment gar nicht, was ich sagen soll. Er staunte auch und wir sind dann aufeinander zu. Das war direkt hier vor dem Turm."
Die beiden tun sich zusammen, täuschen gemeinsame Tauchausflüge vor. Doch die Grenzposten werden misstrauisch, informieren die Staatssicherheit. Die verhört die beiden stundenlang, lässt sie letztendlich wieder frei.
Wenig später packen Hameister und Schelter ihre Taucheranzüge in den Wagen, verschweißen die Ausweise wasserdicht. Sie wollen es wagen. Und stoßen erneut auf ein unerwartetes Hindernis.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Und dann mit einem Mal: Straßensperre."
Regisseur Arend Agthe hat die Flucht des Erhard Schelter in einem packenden Doku-Drama verfilmt. Agthe war fasziniert von diesem Mann, seinem Mut und seiner Entschlossenheit, sein Leben selbst zu bestimmen. Gegen Widerstände und Hindernisse. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt.
Arend Agthe, Regisseur
"Wenn man glaubt, man ist auf der Spur der Geschichte, ist man überrascht, schon wieder in eine nächste Episode zu fallen. Als ich Erhard Schelter das erste Mal die Geschichte erzählen hörte, dachte ich, dass da Hollywood Pate gestanden hat, beim Schreiben der Geschichte. Sie ist hochdramatisch, aber sie ist wahr."
Der Film erzählt in Spielszenen und Zeitzeugenberichten, wie die Flucht zu scheitern droht.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Das erste Mal war es so nach einer Stunde, dass mein Kumpel das erste Mal an der Leine zog, mehrere Male. Dann bin ich zu ihm ran und dann hatte er einen ersten Schwächeanfall. Seekrank war er. Er hat mich angefleht: 'Bleib bei mir.' Das waren ganz schlimme Minuten für mich. Da habe ich gedacht, den kannst Du nicht abschneiden, das kannst du nicht übers Herz bringen."
Mit einer Leine sind sie verbunden.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Ja, und dann fing ich richtig an zu arbeiten und habe ihn gezogen."
17 Stunden schwimmt Erhard Schelter durch die Ostsee. Er ist am Ende seiner Kräfte, als ein NVA-Grenzboot sie aufspürt. Gleichzeitig nähert sich eine westdeutsche Fähre. Es beginnt ein Wettlauf. Bevor die Grenzpolizei die beiden aufgreifen kann, schiebt sich die Fähre dazwischen und rettet die erschöpften Männer.
Dieses Erlebnis begleitet Erhard Schelter. Es hat sein Leben verändert. Und seinen Blick auf die Freiheit, die für die Generation heute selbstverständlich ist.
Erhard Schelter, floh aus der DDR
"Ich weiß, was es bedeutet, wenn man aus so einem System rauskommt und wenn dann einem mit einem Mal die Welt offen steht. Ich konnte mit einem Mal zur See fahren. Es war einfach toll."
Erhard Schelter heuert bei der Reederei an, die ihn gerettet hat. Sein Traum geht in Erfüllung. Den Freund, mit dem er geflohen ist, sieht er nie wieder.
Der Film von Regisseur Arend Agthe hält die dramatischen Erlebnisse fest. Es ist das Leben von Erhard Schelter, der für seine Freiheit alles riskiert hat.
Autorin: Birgit Wolske








