Eine Museumsbesucherin betrachtete eine Muttergottes aus dem Welfenschatz (Quelle: dpa)

- Der Welfenschatz

Der Welfenschatz ist der größte deutsche Kirchenschatz im Besitz einer öffentlichen Kunstsammlung. Seit Jahren wird darüber gestritten, wem dieser Schatz gehört. Jüdische Kunsthändler haben ihn 1935 an die Nazis verkauft.(Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.)

Die Erben beklagen, das sei kein fairer Handel gewesen. Deshalb berät die unabhängige Limbach-Kommission über den Fall - doch zu einem Ergebnis ist sie noch nicht gekommen.

Sein Wert ist unschätzbar: materiall, ideell und historisch. Der Welfenschatz ist der heikelste aller Restitutionsfälle. Ist er ein Fall von Raubkunst? Die Limbach-Kommission hat sich gestern nicht entschieden, zu viele Fragen sind für die Experten noch offen. Die Eigentümerin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ansonsten vorbildlich bei berechtigten Rückgabeforderungen, sieht kein Grund zur Restitution.

Peter Raue, Kunstförderer und Anwalt
"Dass sich die Stiftung Preussischer Kulturbesitz hier so strikt weigert, den Anspruchstellern entgegenzukommen, verdankt sich nicht dem Umstand, dass der Schatz bedeutend ist, das ist kein Argument, sondern dem Umstand, dass hier in freier Verhandlungsebene vom Ausland aus die Kaufvertragsverhandlung geführt worden sind."

Zacharias Hackenbroch, Julius Goldschmidt und Saemy Rosenberg sowie ein weiterer Partner verkaufen 1935 den Welfenschatz an den Preußischen Staat. Sebastian Preuss bezweifelt, dass dieser Verkauf wirklich ein fairer Handel war. Das nämlich ist die zentrale Frage bei der Beurteilung von Raubkunst-Fällen.

Sebastian Preuss, Stellvertretender Chefredakteur "Weltkunst"
"Ich habe am Anfang auch gedacht, das war doch ein normales Geschäft, die haben bis auf zehn Prozent - das war wirtschaftskonjunkturbedingt - ihr Geld wieder zurückbekommen. Aber dann habe ich doch lange drüber nachgedacht. Das ist kein Fall von Raubkunst. Der Welfenschatz wurde den drei beteiligten Familien der Kunsthändler nicht geraubt. Aber sie selbst wurden ihrer Existenz beraubt, sie waren einfach nicht mehr in einer fairen Situation.“


Saemy Rosenberg beispielsweise - mit der Lupe betrachtet er die Handreliquie der Welfen: Er emigriert 1934 mit seinem Geschäftspartner nach Amsterdam. Als Kunsthändler waren sie kurz zuvor in Liquidation gegangen. Haben sie sich wirklich "nur" verspekuliert?

1929 bezahlen sie dem Welfenhaus - Herzog Ernst August - 7,5 Millionen Reichsmark für den Schatz, nur wenige Wochen vor der Weltwirtschaftskrise. Der geplante Weiterverkauf in den USA: ein Desaster. Nur ein Bruchteil ihrer Investition nehmen sie ein. Erst 1935 werden sie mit dem Preußischen Staat einig: 4,25 Millionen Reichsmark erhalten die jüdischen Händler. Gefordert hatten sie fünf Millionen. Aber haben sie diese Summer auch erhalten?

Peter Raue, Kunstförderer und Anwalt
"Diese Käufergruppe wollte Geld verdienen. Wir sind im Jahre 1935, da war die Welt außerhalb Deutschlands noch einigermaßen in Ordnung. Und wenn ich dann verkaufe und kriege kein Geld, dann werde ich die Möglichkeit haben, wenigstens den Mund aufzumachen und zu sagen: ihr schuldet mir noch was, ihr verdammten Käufer. Diesen Satz gibt es nicht. Es gibt Belege der Überweisung des Betrages und damit dürfte feststehen, dass die ihr Geld erhalten haben."

Die Belege sind bislang nicht öffentlich - und Fakten rar. Es geht um Werte, die sich nicht beziffern lassen. Wie soll man so etwas restituieren? Bezahlen?

Die Kreuzkuppel-Relique: das Herzstück des Welfenschatzes: Mit Heinrich dem Löwen beginnt seine Geschichte im 12. Jahrhundert, als Kirchenschatz des Braunschweiger Doms. Einzigartige mittelalterliche Goldschmiedekunst. Und ein Zeugnis deutscher Geschichte.

1963 kommt der Schatz nach Berlin. Der Aufstieg und Fall der Welfen lässt sich fortan im Museum erfahren. Die Restitutionsforderung, die seit 2004 läuft: Wird hier mit einem fingierten Verfolgungsschicksal Geld erstritten? Inzwischen sind weitere Erben bekannt, die Ansprüche erheben. Wird nun mit moralischem Druck versucht, Geld zu machen?

Sebastian Preuss, Stellvertretender Chefredakteur "Weltkunst"
"Man muss leider sagen, dass die Erben, die rechtmäßigen Erben in den meisten Fällen zu ihrem Recht nur kommen mithilfe von Anwälten. Die Anwälte kosten viel Geld, dann braucht man das Geld wieder, und dann muss man die Kunstwerke eben wieder verkaufen, oder es gibt komplizierte Familiengeflechte, da muß man die zu Geld machen, das heißt die Moral geht ohne Geld nicht."


Peter Raue, Kunstförderer und Anwalt
"Da wird ein moralischer Druck aufgebaut, und den finde ich deswegen so schädlich, weil ich begründete Restitutionsansprüche nachhaltig verteidige. Und es gibt noch so viele, der Gurlitt-Fall hat das noch mal ins Leben gerufen. Es gibt noch so viele ungeklärte, wirklich dramatische Fälle, dass man dieses Gebiet um den Welfenschatz: er verdirbt eigentlich die Moral."


Die Krux mit der Restitution. Wichtig ist, dass dennoch ein Weg gefunden wird, wie dieser Schatz im Museum bleiben kann. Und wenn die Limbach-Kommission, gar Gerichte, zur Entscheidung kommen sollten, dass die Ansprüche der Erben berechtigt sind, dann muss es das der Öffentlichen Hand - uns - wert sein.


Autorin: Petra Dorrmann

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