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2014 steht im Zeichen des Ersten Weltkriegs, der vor 100 Jahren begann. Der Berliner Historiker Frank Drauschke sammelt seit drei Jahren Erinnerungsstücke aus dem Alltag der damaligen Kriegsgeneration: In aller Welt hat er Briefe, Postkarten, Fotos und Familienandenken gefunden. Jetzt werden die Erinnerungsstücke in einer riesigen Online-Datenbank der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der Brieföffner mit Granatsplittergriff, die Sammlung von Propagandapostkarten: 100 Jahre lang aufbewahrte persönliche Erinnerungsstücke einer Katastrophe, die kaum eine Familie in Europa verschonte. Sie erzählen vom Sterben und Überleben im Ersten Weltkrieg - unglaubliche Geschichten, wie die von der Bibel des Infanteristen Kurt Geiler.
Gottfried Geiler
"Mein Vater war ein sehr frommer Mann und hat die Bibel immer in einem Beutelchen getragen und immer abends, wenn er schlief, unter den Kopf gelegt. Und ein Volltreffer vor Verdun, in einem Unterstand, hat fast alle Kameraden in diesem Unterstand getötet. Und mein Vater ist dadurch gerettet worden, dass dieser Splitter in die Bibel gefahren ist, die unmittelbar unter seinem Kopf lag. War also im wahrsten Sinne des Wortes lebensrettend."
Die Geschichte von der lebensrettenden Bibel findet man jetzt in einem einzigartigen Online-Archiv. Vor drei Jahren starteten Historiker aus Berlin dieses europaweite Projekt. Sie luden in elf Ländern zu Aktionstagen ein, machten Fotos von den Gegenstände, schrieben die Erinnerungen dazu auf.
Zeitzeuge
"Das ist hier mein Vater."
Zeitzeuge
"Ich bin munter, aber ich habe nur noch die Hälfte der Kompanie."
Zeitzeugin
"Meine Tochter würde das wegwerfen. Nach mir ist dann Schluss. Also, es ist wirklich eine gute Zeit."
All die Fotos, Tagebücher und Souvenirs, die noch auf Dachböden, in Schuhkartons und Schränken liegen, sollen gerettet werden.
Frank Drauschke, Historiker
"Private Erinnerungsstücke zeigen natürlich, dass das Erinnern und das Leid über alle Grenzen und Fronten hinweg ähnlich war. Und wenn die Todesnachricht nach Hause kam, sind die Dokumente natürlich genauso berührend, ob die nun aus England oder aus Deutschland kommen. In Bonn war halt eine Dame da, die hatte einen großen Koffer mit, mit im Grunde allem, was sie von ihrem Großvater hatte. Tagebücher, dann die vollständigen Negative der ganzen Zeit, von wo er in den Krieg gefahren ist und wieder zurückgekommen ist. Es ist alles säuberlich dokumentiert.“
400 Mal hat der 26-jährige Meldegänger Walter Naumann auf den Auslöser einer Feldkamera gedrückt. Mit ihm starten wir am 13. September 1914 von Leipzig über Köln in den Krieg. Eigentlich hatte er anderes geplant. Nicht an die Westfront, nach Atlantic City wollte der junge Mann ziehen, ein Restaurant aufmachen. Stattdessen muss er Häuser bombardieren, sterben Kameraden. In seinem Tagebuch beschreibt er eine aus den Fugen geratene Welt, erzählt von den Toten, die er sehen muss.
Frank Drauschke, Historiker
"Das Ganze ist ein Projekt, was ein Mitmachprojekt ist. Das heißt, jedermann kann selber auf die Webseite gehen, kann sich anmelden, kann seine Sachen fotografieren, digitalisieren, dort hochladen und beschreiben. Es gibt auch kuriose Dinge, wie einen Schildkrötenpanzer von meinem Großvater zum Beispiel, die Sporen von den Stiefeln."
Oder einen Gegenstand, der vom unbedingten Willen erzählt, trotz des Verlusts eines Beins, weiter als Soldat zu kämpfen: die Prothese von Jakob Weber. An der Ostfront 1917 schwer verwundet, blieb er trotzdem bis zum Ende des Kriegs an der Front.
Im Online-Archiv kann man sich nicht nur durch die Zeugnisse aus privaten Nachlässen klicken, der Erste Weltkrieg findet hier auch in bewegten Bildern statt. Europäische Filmarchive haben mehr als 650 Stunden historisches Filmmaterial online gestellt. Alle Phasen und Schauplätze des Krieges werden so erlebbar, bisher noch nie veröffentlichtes Material.
Die Soldaten, die zurückkehren, erzählen wenig von dem Erlebten, manchmal mögen sie sich auch nur an die schönen Momente erinnern, wie eine kurze verbotene Affäre in Paris.
Zeitzeugin
"Er hat schon mal geredet, wenn er was im Kasten hatte, bei Familienfeiern und so weiter. Aber die schlechten Sachen nicht, nur die guten Sachen. Hat er was erlebt und das hat meine Oma ihm auch verziehen. Da hat meine Oma gesagt, wenn er jetzt im Krieg gefallen wäre, da hat er sich das eben mitgenommen, ich war ja nicht da. Meine Oma hatte da vollstes Verständnis für."
Die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg sind in den Familien von Generation zu Generation weiter gegeben worden. Jetzt löst sie ein digitales Gedächtnis ab. Selbst wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, werden sie zu uns sprechen - aus ihren Tagebüchern, Briefen, Fotos.
Autorin: Gabriele Denecke








