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Gerd Schönfeld ist in Prenzlauer Berg aufgewachsen, als die Kinder in dem Berliner Stadtteil noch nicht zum Kinderyoga gingen, sondern Fußball auf der Straße spielten. Jetzt hat Schönfeld seine Kindheitsgeschichten als Buch herausgebracht - und damit eine kleine Kulturgeschichte zum Alltag in der frühen DDR.
Machen wir eine kleine Zeitreise - zurück in die 50er Jahre, in den Prenzlauer Berg. Hier, an der Schönhauser Allee, wo damals schon die Straßenbahnen quietschen und Konnopkes Imbissbude steht, lebt ein Junge. Er heißt Gerd. Gerd redet nicht viel, aber er ist ein guter Beobachter. In seinem Kiez kennt er sich aus: Er weiß, wo es Lollis gibt, wo sich die Trinker treffen und was sich gegenüber auf dem Hinterhof verbirgt.
Gerd Schönfeld, Autor
"Da war links im Haus ein Kuhstall drin! Ich weiß noch, wie ich mir immer die Frösi geholt habe, sonntags vom Zeitungsstand, der jetzt weg ist, und danach noch 2 Liter Milch."
Das Leben im Prenzlauer Berg beobachtet Gerd Schönfeld schon solange er denken kann. Jetzt, mit 65, hat er ein Buch darüber geschrieben: Es sind Alltagsskizzen in kurzen Sätzen, aus einer längst vergangenen Welt, in der die Kinder auf den Straßen spielen und der Ball manchmal über die Grenze in den Westen rollt.
Szenen, die er nicht vergessen hat. Wie den Monolog eines Kriegsversehrten, der auf der Verkehrsinsel vor der Hochbahn sitzt und von seiner Rückkehr aus dem Krieg erzählt.
Auszug aus "Schackelstern flogen spät durch milde Lüfte..."
"Der Mann ohne Beine nahm einen Schluck aus seiner Taschenflasche: Als ick nach Hause kam, stand meine Valobte vor mir und sagte keen Wort. Die kiekte mir nich eenmal ins Jesicht. Stierte und stierte. Nur dahin, wo sonst meine Beene wärn. Luise, sage ick. Ick wollt ma schon entschuldijen. Und denn is se wegjerannt. 'Ne Woche später kam Post. Für 'ne Ehe, schrieb se, hätte so noch nich die nötige Reife."
Gerd Schönfeld kennt fast zu jedem Haus hier eine Geschichte. Und doch, sagt er, fühle er sich manchmal wie auf einem Schiff, auf dem die Besatzung gewechselt hat. Hat er zu schreiben begonnen, um etwas festzuhalten?
Gerd Schönfeld, Autor
"Festzuhalten, na klar, ja. Das war eigentlich der Grund, warum ich es gemacht habe. Eigentlich erkennt man alles wieder, aber es stimmt einen so melancholisch, manchmal, dass überall was anderes drin ist, in den Häusern. Wie so eine verlorene Zeit, eine vergilbte Fotografie, die immer mehr verblasst."
Gerd Schönfeld hat nichts dagegen, dass die Welt sich verändert. Er will nur nicht alles mitmachen. Bis heute lebt er ohne Internet und ohne Handy.
Seit 30 Jahren arbeitet Gerd Schönfeld als Beerdigungsmusiker. Gelernt hat er Gärtner, danach war er Champignonzüchter, Traktorist, Requisiteur.
Manche nennen ihn inzwischen den letzten echten Bohemien vom Prenzlauer Berg. Er will davon nichts wissen.
Gerd Schönfeld, Autor
"Bohème... ich kann das auch nicht richtig definieren, ich kann damit immer nichts anfangen. Ich bin keen Boheme, ich mach immer meine Arbeit. Fühle mich auch nicht zum Künstler berufen, definiere mich auch nicht darüber, dass ich erst um zehn mit einem Morgenmantel aufwache, während die anderen schon zwei Stunden arbeiten."
Über sich selbst redet Gerd Schönfeld nicht so gerne. Lieber erzählt er Geschichten. In ihnen können wir durch das alte Berlin spazieren, rüber in den Wedding, wo die andere Hälfte seiner Familie wohnt und die Kinos Sonderpreise für Ostler haben.
Wir lernen Männer kennen, die sich ihre Zigaretten aus Telefonbuchpapier drehen, treffen vermeintliche Spitzel und witzelnde Schupos. Und immer wieder taucht da diese Grenze auf, die uns daran erinnert, dass es schon bald vorbei sein wird, mit dem "schnell mal rüber".
Gerd Schönfeld, Autor
"Also, hier waren die Westgrenzer, und die standen immer davor mit ihren Riesenschnauzern. Im Osten hatten sie deutsche Schäferhunde an der Grenze, und im Westen hatten sie Riesenschnauzer."
Es ist dieser lakonische, nicht so leicht zu beeindruckende Blick auf die Welt, der dieses Buch zu einem amüsanten Vergnügen macht. Und eine gute Art, auf diese Stadt zu gucken, ist es allemal.
Autor: Tim Evers








