-
Eine beeindruckende Lebensgeschichte. Der Berliner Halbjude Peter Pauly geht von Deutschland nach Ostafrika und wird Oberhaupt eines Ovambo-Klans in Namibia. Er lebt heute im Alter von 96 Jahren in Windhoek. Dort hat ihn der in Berlin lehrende Historiker Nils Ole Oermann während der Recherche für seine Doktorarbeit kennengelernt - und Peter Pauly hat ihm seine Geschichte erzählt.
"Der weiße Ovambo" - im hintersten Namibia, gibt es einen Mann, der diesen Namen tragen darf: Und er kommt ursprünglich aus Berlin. Der Mann war Tropenlandwirt, Prediger und Brückenbauer, jetzt erscheint seine Biografie.
Nils Ole Oermann, Autor
"Das ist ein Mensch, bei dem Gläser immer halb voll sind und nicht halb leer und der in der Lage ist, sich auf immer neue Bedingungen einzustellen. Das reizt ihn gerade."
Peter Pauly wird 1917 in Breslau geboren, verbringt die Kindheit auf dem Land. Später zieht die Familie ins bürgerliche Berlin-Steglitz, sein Vater wird Verwalter der preußischen Truppenübungsplätze, und Peter soll die Offizierslaufbahn einschlagen. Er besucht in Potsdam die Kadettenschule.
Ab 1933 eine Napola und Peter wird als sogenannter "Halbjude" nicht zum Abitur zugelassen.
Nils Ole Oermann, Autor
"Er selber sagt, dass da für ihn eine Welt bürgerlicher Sicherheit zusammengebrochen ist und auch seine Identität schwer angeschlagen war und er sich gefragt hat, wer bin ich eigentlich."
Der Historiker Nils Ole Oermann beschreibt, wie Pauly als 16-Jähriger in Mecklenburg neu anfängt und eine Landwirtschaftslehre macht, aber in Nazi-Deutschland fühlt er sich zunehmend unwohl. Er ist ein Getriebener und ein Abenteurer, so verlässt er 1937 Deutschland und geht in Hamburg an Bord eines Schiffes nach Deutsch-Ostafrika.
In der Kolonie wird er Farmer einer Kaffeeplantage. Eine glückliche Zeit für den Tropenlandwirt - bis ihn 1939 Hitlers Krieg in Afrika einholt. Die Briten internieren die Deutschen in den Kolonien. Und Peter Pauly sitzt fest, zusammen mit Nazis, über zehn lange Jahre.
Nils Ole Oermann, Autor
"Ein wichtiger Punkt für ihn war, dass er sagte, schauen sie sich an, die meisten meiner Verwandten waren zu der Zeit in Theresienstadt oder in Auschwitz, und dafür geht es mir doch unter diesen Bedingungen hier gut. Trotzdem hat man eine fast verrückte Situation, dass ausgerechnet der, der aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflohen ist, nun wieder bei den Alliierten im Gefängnis sitzt.
Quer durch Südafrika wird er in Viehwaggons verschoben. Nach zehn Jahren Odyssee durch mehrere Internierungslager, kommt er erst 1947 frei und kehrt zurück ins kriegszerstörte Deutschland.
Als Pauly endlich Hamburg mit dem Schiff erreicht, wird er gleich wieder von den Briten interniert - die Ironie des Schicksals: zwecks Entnazifizierung. Er hat keine Dokumente, die das Gegenteil belegen.
Nils Ole Oermann, Autor
"Und er kriegt das trotzdem hin und erzählt heute darüber so, wo man spürt, der will kein Mitleid für diese Situation, sondern erzählt das und sagt, so ist Geschichte, die guckt halt nicht nach Einzelschicksalen."
Diese ungeheuerliche Biografie schlüsselt Nils Ole Oermann in seinem Buch "Der weiße Ovambo" auf.
Pauly, heute 96-jährig, kehrt Deutschland 1950 wieder den Rücken, obgleich er die Geburtsstunde der BRD hautnah als Dolmetscher beim Verfassungskonvent erlebt, schlägt er eine Beamtenstelle auf Lebenszeit aus. Er will keine Sicherheit, ihn zieht es zurück in die Wildnis. Diesmal verschlägt es ihn nach Südwestafrika, heute Namibia.
Peter Pauly leitet nun eine 100.000 Hektar große Farm und heiratet die Tochter eines deutschen Großgrundbesitzers. Das Paar bekommt vier Kinder, aber die Ehe zerbricht, die Upper-Class-Familie ist nicht seine Welt. Das Ehepaar lässt sich scheiden und Peter Pauly erfindet sich abermals neu.
Peter Pauly wird mit Ende 50 vom Tropenbauer zum Pfarrer, ein Korrespondent hat ihn damals getroffen. Pauly fühlt afrikanisch, er wendet sich gegen die Rassentrennung und sucht Kontakt zu afrikanischen Gemeinden.
Und schließlich heiratet Pauly eine Ovambofrau - zur Hochzeit der Apartheit - ein Brückenbauer zwischen Schwarz und Weiß.
Nils Ole Oermann, Autor
"Er war der erste Weiße, der über ein theologisches Fernstudium aus Namibia kommend, aus Südwestafrika kommend, dort in der Kirche seinen Dienst aufgenommen hat, und damit war er natürlich wie so oft in seinem Leben ein bunter Hund, und jeder kannte ihn."
Die Vikarin aus dem Ovamboland wurde zu seiner großen Liebe, aber das Glück hielt nur sechs Jahre, dann stirbt seine Frau an Krebs und Pauly zog als Clan-Oberhaupt zu seinen über 100-jährigen Schwiegereltern in den Kraal.
Peter Pauly (1996)
"Bei der Hochzeit hat er ja erzählt wie er als junger Mensch auf den Diamantfeldern erleben musste wie sein Vater von einem deutschen Vorarbeiter mit einem Hammer tot geschlagen wurde, 49. Und er hat dann gesagt, ich habe eigentlich immer Angst vor diesen Deutschen gehabt. Als meine Tochter dann aber sagte, ja sind alle Deutschen verlobt, da sagte er, vielleicht will der liebe Gott mir zeigen, dass die Deutschen eben auch liebenswerte Menschen sein können."
Als "der schwarze Peter" ist Pauly auch heute noch in Namibia von allen geschätzt. Und für alle Anderen gilt es diesen Menschen nun als "weißen Ovambo" zu entdecken.
Autor: Sascha Hilpert







