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Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, wird meistens blind dargestellt. Das soll zeigen, dass sie auch ohne Ansehen der Person, unparteiisch, Recht sprechen kann. Deutschlands einzige wirklich von Geburt an blinde Strafverteidigerin ist die Berlinerin Pamela Pabst, die ihr Leben und Karriereweg in einem Buch erzählt.
Pamela Pabst ist von Geburt an blind. Sprache, sagt sie, sei für sie besonders wichtig, weil sie damit an der Welt teilnehmen kann. Schon früh mag sie die glatten, kühlen Sätze der Juristen - und diesen Ort, das Kriminalgericht in Moabit.
Pamela Pabst, Strafverteidigerin
"Als ich hier mit 15 das erste Mal reingekommen bin in diese Halle, da habe ich einfach gedacht, hier möchtest du gern arbeiten. Und wenn ich gefragt werde, was die Faszination dieses Raumes ausmacht, dann denke ich, ja dieser Raum ist wie eine Kirche, ist ein sehr hoher Raum, ein sehr weiter Raum, es riecht hier unglaublich angenehm nach Sandtstein, die Stimmung ist ein bisschen gedämpft. So ein Grundrumoren, was immer hier drin ist in dieser Halle, Stimmengewirr - irgendwie ein bisschen heimelig, obwohl es so eine große Halle ist."
Für ihr Jurastudium lernt sie mit Kasetten und lässt sich die Gesetzestexte vorlesen. Nach acht Semestern hat sie es geschafft. Seitdem ist sie selbständig.
Annette Müller, Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte
"Ich bin die Augen von Pabst, wir ergänzen uns super. All das, was Frau Pabst eben selber nicht sehen kann, erkläre ich ihr, lese ihr vor."
Annette Müller ist immer an ihrer Seite. Sie liest Akten vor oder beschreibt Tatortfotos. Alles andere kann Pamela Pabst selbst mit technischen Hilfsmitteln: einer Blindentastatur, einem sprechenden Computerprogramm. Damit kann sie Schriftsätze verfassen.
Das Formale, die vielen juristischen Regeln, der höfliche Ton. Pamela Pabst mag diese feste Struktur. Im Gymnasium wurde sie jahrelang von ihren Mitschülern gemobbt. Wenn sie jetzt vor Gericht erscheint, wird sie von allen Seiten respektiert. Aber das ist nur ein Aspekt, warum sie ihren Beruf so schätzt.
Pamela Pabst, Strafverteidigerin
"Das Spannende an meiner Tätigkeit ist, dass sie die Möglichkeit haben, sich in das Leben fremder Leute zu begeben, deren Lebenswelt zu erleben - ein Stück weit mit diesen Leuten mitzugehen, natürlich auch Probleme zu lösen. Wenn man Strafrecht macht, dann muss man ja vor Gericht auch sehr viel reden. Mir fällt das nicht schwer. Ich war schon immer eine kleines Rampensau."
Pamela Pabst ist die einzige blinde Strafverteidigerin in Deutschland. Ihre Mandanten: Mörder, Vergewaltiger, Drogendealer. Regelmäßig besucht sie ihre Klienten auch in der Untersuchungshaft in Moabit.
Pamela Pabst, Strafverteidigerin
"Gefängnis ist eine völlig eigene Welt mit diesem Türenklappern, Tür auf, Tür zu und Schlüssel rumdrehen. Mir persönlich macht das keine Angst und ich fühle mich dadurch jetzt auch nicht emotional tief erschüttert."
Diesen Pragmatismus schätzen auch ihre Mandanten an Pamela Pabst. Und dass sie sich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen kann, sondern einfach nur sehr genau zu hört.
Pamela Pabst, Stafverteidigerin
"Was ich auch besonders emotional fand, dass mir Gefangene gesagt haben, ihre Zeit der Eingeschränktheit, der Eingemauertheit ist endlich, und sie stellen sich halt mein Leben, meine Eingeschränktheit durch die Behinderung als unendlich vor. Und das hat viele dazu auch gebracht neuen Mut zu schöpfen und zu sagen, wenn die Frau das auch schafft, dann muss ich mich jetzt hier drin mal am Riemen reißen und auch mal sehen, dass ich da drin etwas auf die Reihe bekomme."
Im letzten Jahr lag Pamela Pabst im Krankenhaus. Um sich selbst abzulenken hat sie ihr Leben aufgeschrieben. "Ich sehe das, was ihr nicht seht" will zeigen, dass man fast alles erreichen kann.
Autorin: Bettina Lehnert







