- Film und Nationalsozialismus auf der Berlinale

George Clooney dominiert mit seinem Film "Monuments Men" die Plakatflächen am Potsdamer Platz, Volker Schlöndorff erzählt in "Diplomatie" von einem Nationalsozialisten, der Paris vor der Zerstörung rettet und im Dokumentarfilm "Der Anständige" öffnen wiederentdeckte Briefe Heinrich Himmlers einen Blick in sein Privatleben. Was macht den Nationalsozialismus für die Filmindustrie so attraktiv? Und geht es wirklich darum, die Verbrechen von damals zu verstehen?

Filmszene aus "Diplomatie"
"Meine Herren. Wenn Paris fällt, fällt ganz Frankreich."
"Ja. Und die Amerikaner marschieren direkt nach Deutschland."
"Ich habe jetzt keine Wahl mehr."
"Die Detonation, die wird man bis nach Berlin hören."
"Ich glaube, man wird sie sogar noch in 50 Jahren hören."


Die Sprengung von Paris. General Dietrich von Choltitz soll sie im August 1944 durchführen und verweigert den Befehl. Wieder eine Geschichte über die Zeit des Nationalsozialismus, inszeniert von Volker Schlöndorff. Eigentlich wollte er keinen Film mehr über dieses Thema drehen. Warum also doch?

Volker Schlöndorff, Regisseur
"Je weiter sich das Kriegsende entfernt und je weiter wir weg sind von Hitler, desto virulenter kommt diese Epidemie immer wieder hoch, immer wieder hoch. Man wird nicht fertig, sich damit auseinanderzusetzen. Ich hätte mir ein anderes Erbe gewünscht. Wenn ich jetzt nach... genau 50 Jahre lang mache ich jetzt Filme und die Hälfte davon waren mit Nazis."

Noch ein Film hat auf der Berlinale Premiere. Die israelische Filmemacherin Vanessa Lapa lässt den Organisator des Holocaust Heinrich Himmler in privaten Briefen zu Wort kommen. Der Massenmörder als Ehemann und Vater - unkommentiert.

Filmszene aus
"Der Anständige"
"Brief Nr. 4. Ich weiß dann, wie gut es mit mir das Schicksal meint, sehe ich Dein liebes Gesicht und Deine guten, lieben, treuen blauen Augen. Ich habe diesen Brief nummeriert. Ich glaube, dass das ganz praktisch ist. Ich habe so die Meinung, dass wir uns sehr, sehr viel schreiben werden."


Der Berliner Historiker Sönke Neitzel beschäftigt sich seit Jahren mit dem Dritten Reich und seinen Eliten. Die Faszination für das Thema, das Bücher zu Bestsellern und Filme zu Quotenhits werden lässt, liegt für ihn in der unvorstellbaren Dimension des Bösen.

Sönke Neitzel, Historiker
"Dass die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs uns immer noch so in Fesseln hält und auch weiter halten wird, weil sie eben so viel umgekrempelt hat, so viel Gewalt, so viel Unrecht, so viel Veränderung gebracht hat, dass wir davon natürlich nicht los kommen. Und zwar nicht nur wir Deutschen nicht, sondern auch in ganz Europa und darüber hinaus."

Tel Aviv 2007. Der Vater von Vanessa Lapa würde die ihm angebotenen privaten Briefe, Fotos und Aufzeichnungen Heinrich Himmlers kaufen, wenn seine Tochter einen Film darüber macht. Aber die zögert. Warum dem Massenmörder eine Bühne geben? Dann interessiert sie doch, was war das für ein Mann, der einen Teil ihrer Familie in die Vernichtungslager schickte?

Vanessa Lapa, Regisseurin
"Je tiefer man in die Psyche Himmlers eindringt, in seinen Charakter, desto größer ist der Kontrast, das Böse erscheint uns noch monströser. Die Eltern meiner Mutter haben Auschwitz überlebt, und sie ist unfähig, diese Briefe und Fotos überhaupt nur zu berühren. Meine Generation interessiert der Mensch hinter dem Monster.“

Filmszene aus "Der Anständige"
"Mein guter, wilder Geliebter, Du bist schon wieder ein reines Reisebüro. Warum gehst Du zu einer Hitlerversammlung? Du weißt doch, was er redet."
"In die Hitlerversammlung muss ich doch. Ich veranstalte doch diese Versammlungen und bin mitverantwortlich dafür. Nur noch ein paar Monate und der wilde Mann wird für immer bei Dir sein. Denk an Deine Rache. In Liebe, Dein Heini"


Der Film über Heinrich Himmler hat den Titel "Der Anständige". Eine Provokation?

Vanessa Lapa, Regisseurin
"Der Anstand war das, was ihn in seinem Berufsleben und in seinem Privatleben geleitet hat, er machte sein Wesen aus. Wichtig war, dass seine Tochter 'anständig' erzogen wird, dass seine Soldaten auf 'anständige' Weise sprechen, essen und töten."


Verändert der Blick auf den Privatmann Himmler den Blick auf den Massenmörder Himmler? 

Sönke Neitzel, Historiker
"Deshalb müssen wir die Geschichte nicht neu schreiben, deshalb bleibt das, was er als Chef der SS getan hat, unverändert. Aber es ist ein Farbtupfer mehr, ein Grad Tiefenschärfe mehr, die uns diese Person, wir handeln mit Menschen, doch ein Stück weit besser erklärt."


Und General von Choltitz? Ist er der heldenhafte Retter von Paris oder der böse Wehrmachtsgeneral, der befehlsgemäß Juden erschoss?

Die Uneindeutigkeiten der Geschichte, die Grautöne der Personen, der Perspektivwechsel auf die Täterseite lassen einen neuen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus zu, jenseits der Klischees.

Volker Schlöndorff, Regisseur

"Ich habe jetzt zum Beispiel bei dem Film 'Diplomatie' vermieden, dass irgendwo je eine Hakenkreuzfahne hängt, genauso übrigens wie beim 'Neunten Tag' nicht und genauso wie bei dem 'Meer am Morgen' nicht. Weil, ich finde das so billig, dieses Ding hängt da und dann ist man angeblich in dieser Zeit. Ja, und was machen die Leute fürs Plakat und für die Werbung. Da haben sie künstlich Hakenkreuze rein gemacht, weil, das ist das Signet, was anscheinend die Leute anzieht. Also, tiefenpsychologisch ist es die Faszination für das Böse?"


Selbst wenn alle Fakten über den Nationalsozialismus bekannt sind, gibt es neue Filme. Das liegt daran, dass die letzten Zeitzeugen ihre Erinnerungen erzählen wollen, dass unbekannte Dokumente auftauchen und dass eine neue Generation andere Fragen stellt. Immer geht es um den Versuch, alles verstehen zu wollen, doch ein Verstehen wird es nie geben.


Autorin: Gabriele Denecke

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