- Göran Gnaudschun: 'Alexanderplatz'

Der Blick ist aufrecht und klar in die Kamera gerichtet. Würdevoll - so hat der Fotograf Göran Gnaudschun die jungen Obdachlosen vom Alexanderplatz ins Bild gesetzt. Denn die Würde macht für ihn das Menschsein aus, sagt er. Jetzt veröffentlicht der Potsdamer seine Bilder in einem Band mit dem Titel "Berlin Alexanderplatz" - und das Haus am Lützowplatz widmet ihm eine Ausstellung.

Hier am Alexanderplatz hat der Fotograf Göran Gnaudschun lange gesessen, geschaut, gewartet, beobachtet. Er wollte mit den Punks dort ins Gespräch  kommen, wollte ihnen "ein Gesicht, eine Stimme" geben, wie er sagt. Vier Jahre, einmal die Woche von Mittags bis spät in die Nacht saß er dort, trank mit Ihnen - redete mit ihnen: den Ausreißern, den Gestrandeten, den Wohnungslosen.

Herausgekommen sind feinfühlige und sensible Portraits. Bilder von großer Intensität und Ausstrahlung. Göran Gnaudschun schafft es, diesen Menschen ins Herz zu schauen, Ihnen eine Würde und Schönheit zu geben. Er hat sich Zeit genommen - hat sich für ihr Leben interessiert.

Göran Gnaudschun, Fotograf

"Das Schöne ist, man hat einen Vertrauensvorschuss. Wenn man ein paar Leute kennengelernt hat, vertrauen die einem, dann lernt man wieder neue Leute kennen, man sitzt da, spricht Leute an. Für mich ist das Gespräch erstmal wichtiger als das Foto. Manchmal war ich den ganzen Tag hier und habe kein einziges Mal die Kamera herausgeholt, weil es in dem Moment nicht möglich war. Es war wichtiger, da zu sein, als Person anwesend zu sein."


Schon in den 80er Jahren gab es eine aktive Punkszene am Alexanderplatz. Es waren auch hier Menschen, die in der Gesellschaft keinen Platz fanden.

Gnaudschun, 1971 in Potsdam geboren, war früher selbst ein Außenseiter, er besetzte in den 90er Jahren Häuser in Potsdam, spielte E-Gitarre bei der Punkband "Four Four Leningrad". Und hat über diese wilden Jahre sein erstes Fotoessay herausgegeben.

Göran Gnaudschun, Fotograf
"Mir ist es im Grunde genommen wichtig, dass es eine Art verschüttet geglaubte Würde ist, die man in einem Portrait hervorkitzeln kann. Die man durch eine bestimmte Art der Herangehensweise und der Fotografie, also nicht nur das Licht, der Ausschnitt und die Haltung, sondern meine Haltung dazu, die man dadurch freilegen kann."

"Es sind die Menschen, deren Leben aus den Gleisen geraten ist, die anders geworden sind, ohne das sie es wollten, die nicht mit den Rastern der Gesellschaft klar kommen, unfähig sind, deren Regeln zu akzeptieren. "Der Alexanderplatz ist für viele eine Heimat", so Gnaudschun. Er kennt das Schicksal jedes Einzelnen, weiß um ihre Kindheit, ihre Ängste, Sorgen, ihre Wut und ihre Einsamkeit. Die Menschen haben sich ihm anvertraut. Das hat ihn viel Kraft gekostet.

Göran Gnaudschun, Fotograf

"Man schaltet ja nicht das Aufnahmegerät ab, macht die Kamera aus und setzt sich in die Regionalbahn und fährt wieder nach Hause. Man nimmt die Geschichten mit. Ich habe eine Frau und drei kleine Söhne, das ist ein ganz anderes Leben. Und wenn man die Geschichten erfährt, merkt man auch, wie wichtig es ist, gut zu seinen Kindern zu sein."


Jetzt haben es die, die sonst so wenig Aufmerksamkeit bekommen, in eine Galerie und in ein Buch geschafft. Göran Gnaudschun hat Gelder eingeholt, um seine Bilder zu zeigen.

Göran Gnaudschun, Fotograf
"Das Wichtigste ist erst mal, dass es mir den Horizont erweitert hat, dass es mir den Blick geöffnet hat auf die dunkle Seite des Lebens und auch auf die Schattenseite unserer Gesellschaft, das man anders guckt, anders auf die Welt guckt."


Zu vielen der Porträtierten hat er noch Kontakt und ist dankbar dafür. Göram Gnaudschun hat die Gechichten der Menschen einfühlsam erzählt. Das verdient Respekt.


Autorin: Yvonne von Kalinowsky

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