- Hans Pischner

Der einstige Intendant der Staatsoper Unter den Linden wird 100 Jahre alt. Hans Pischner wuchs in der Weimarer Republik auf, war Leutnant der Deutschen Wehrmacht und wurde nach dem Krieg eine der einflussreichsten  Persönlichkeiten des DDR-Kulturbetriebs. Die Schuld, bei den Nationalsozialisten ein Mitläufer gewesen zu sein, plagt Hans Pischner bis heute, sein Wirken in der DDR nicht. Ein Jahrhundertleben zwischen Schuld und Verantwortung.

Wer ist dieser Mann? Hundert Jahre wird Hans Pischner alt. Ein Musiker, der seine Freiheit in der Kunst gesucht hat - und so durch zwei Diktaturen gegangen ist. Er studiert Musik, muss als Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfen, wird später Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Und heute wird er gefeiert - für das, was er geschaffen hat. 

Jochen Kowalski, Countertenor

"Ein toller Mann, eine Jahrhunderterscheinung, es ist eigentlich unvorstellbar."

Jürgen Flimm, Intendant Staatsoper unter den Linden

"Er hat Komponisten gespielt, die waren dort im großen Bruderland der Sowjetunion nicht so angesehen, er hat sich da ganz schon durchgesetzt. Also für die schwierigen Zeiten hat er das ganz gut gemacht.


Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor Staatsoper Berlin
"Er hat gezeigt, dass Politik nicht alles ist und das alles muss nicht Politik sein, und dafür bin ich ihm dankbar."

Das Cembalo ist sein Instrument - Bach und Händel sind sein Spezialgebiet, damit macht er sich einen Namen in der Musikwelt. Sein Talent hat er von den Eltern. 1914 wird er in Breslau geboren. Sein Vater ein Klavierstimmer, die Mutter Pianistin, beide Sozialdemokraten, überzeugte Antifaschisten. Den jungen Pischner drängt es auf die Bühne, er will Cembalo spielen - doch dann muss er an die Front.

Hier in der Klosterkirche in Berlin Mitte gibt Hans Pischner 1939 sein vorerst letztes Konzert. Wenn er mit seinem Sohn hier herkommt, erinnert ihn das auch daran, dass er nichts getan hat gegen die Nazis - er fühlt sich schuldig, bis heute.

Hans Pischner, Musiker
"Auf der rechten Seite hat das Cembalo gestanden. 1939."


Als der Krieg vorbei ist, sieht er seine Chance im Osten, meint in der DDR die Ideale leben zu können, die seine Eltern ihm mitgegeben haben. In Weimar bekommt er eine Stellung als Musiklehrer, wird 1948 Professor. Hans Pischner will etwas verändern und tritt in die SED ein - er ist Parteimitglied der ersten Stunde. Er macht Karriere, wird 1963 Intendant der Staatsoper Unter den Linden und ein einflussreicher Mann im DDR-Kulturbetrieb.

Hans Pischner, Musiker
"Ich war ein Kulturpolitiker auf dem Gebiet der Musik, aber auch allgemein humanistisch war ich ja sehr engagiert und sehr gebildet, möchte ich mich mal so ausdrücken, dass ich mich allgemein dafür eingesetzt habe, auch dafür, dass möglichst viele Menschen an die Kultur herankommen."

Hans Pischner nimmt sich künstlerische Freiheiten, engagiert internationale Künstler an seinem Haus und spielt die Opern von Schostakowitsch, obwohl die verboten sind. Dass er damit Erfolg hat, zieht schon mal den Argwohn der Partei auf sich.

Hans Pischner, Musiker
"Ich war mal irgendwo und wenn man von mir Selbstkritik erwartete, habe ich lieber fünf Stunden still gesessen und nichts gesagt, hätte ich mich nie hingestellt und Selbstkritik gemacht."


Die Staatsoper bedeutet für Hans Pischner Freiheit. Das Ensemble ist international, Italiener, Amerikaner oder Engländer. Während der Staat sich vor der Welt verschließt, holt Pischner die weite Welt auf die Bühne.

Hans Pischner, Musiker
"Ich habe mal Goethe zitiert, es wird einem nicht alles gestattet, aber man muss es sich erlauben. In dem Moment,
wenn ich die Tür zumachte in meinem Arbeitsraum in der Staatsoper, war ich nicht mehr in der DDR. Wir waren eine Familie, nicht wahr."

Auch wenn er zusieht, wie die DDR mehr und mehr zu einer Diktatur wird, zweifelt er kaum am System. Er konzentriert sich auf die Kunst, auf seine Musik. Vielleicht hat er sich zu sehr darauf konzentriert, vielleicht hat er im Namen der Kunst so manches entschuldigt. Bis heute verteidigt er das Land, in dem er gelebt hat.

Hans Pischner, Musiker
"Da wird die DDR nur gesehen, mit der Stasikeule totgeschlagen, und das ist nicht meine Welt, ich halte nichts von nachträglichen Hexenjagden. Vorbei, wir haben es nicht geschafft, das Scheitern eines Ideals gibt es auch."


Hans Pischner hat ein ganzes Jahrhundert durchwandert - mit allen Höhen und Tiefen. Seine Geschichte ist zerrissen, so wie die Zeit, die er erlebt hat. 


Autorin: Martina Hiller von Gaertringen 

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