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Mit Marianne Birthler verbindet die Öffentlichkeit jene streitbare Frau, die als Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde so manchen Inoffiziellen Mitarbeiter auffliegen ließ. Diese Aufgabe war aber nur der Höhepunkt einer langen Auseinandersetzung mit dem DDR-System.
Marianne Birthler
"Einer meiner Lieblingssprüche stammt von Sören Kierkegard und er heißt: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Wenn man mittendrin ist, tut man's einfach oder auch nicht und hinterher schaut man drauf und sagt sich: Aha! Wie kam das denn? War dir eigentlich klar, was das bedeutet? Ist ja ganz gut, dass es manchmal erst hinterher kommt. Sonst würden die Menschen nur zaghaft rumlaufen und sich gar nichts mehr trauen."
Ein Leben wie ihres lässt sich nicht planen. Aber das heißt nicht, dass es zufällig passiert wäre. Marianne Birthler sagt, sie sei lange eher zaghaft, leise, schüchtern gewesen. Wie wird so eine zur Dissidentin?
Ihr Weg beginnt in Berlin-Friedrichshain. Hier geht sie zur Schule – ein ernsthaftes Mädchen, das in der Jungen Gemeinde ist und dafür sogar aus der FDJ austritt. Sie heiratet früh, kriegt Kinder, zieht mit ihrem Mann, einem Tierarzt, aufs Land. Doch statt sich nun zu arrangieren, beginnen die Fragen.
Marianne Birthler
"Wenn man Kinder in die Welt setzt, gerade, wenn man sie in die Schule bringt, setzt man sich nochmal anders mit der Umwelt oder den politischen Verhältnissen auseinander. Und dann müssen alle nochmal überlegen: Was heißt denn das für meine Kinder? Will ich, dass die genauso leben? Will ich, dass die lernen, den Mund zu halten? Dass sie mutig werden und Schwierigkeiten kriegen?"
Die Suche nach einem Ort, wo sie über diese Fragen sprechen kann, führt sie in die Kirche. Hier trifft sie Menschen, denen es ähnlich geht. Und gerät mit ihnen ins Visier der Stasi.
Mittlerweile hat sie sich von ihrem Mann getrennt und arbeitet als Gemeindepädagogin im Prenzlauer Berg. Sieht, wie um sie herum immer mehr Freunde in den Westen verschwinden. Und kaum hat sie sich von den einen verabschiedet, hört sie schon vom nächsten Ausreiseantrag...
Marianne Birthler
"Das war so traurig, dass man es kaum aushalten konnte! Deswegen haben wir es manchmal auch gegen diese Leute gewendet. Wurden so ein bisschen hochnäsig: Die gehen, die halten es nicht aus, anstatt standzuhalten! In unserer Not haben wir uns sozusagen in eine gewisse Borniertheit gerettet, um mit dem Schmerz besser fertig zu werden. Das ist eigentlich ein trauriges Kapitel! Ich glaube, viele, die damals gegangen sind, sind immer noch gekränkt, dass sie damals fallengelassen wurden, von ihren Freunden. Dabei war es nur der Schmerz, der nicht auszuhalten war."
Der Schmerz und die Ohnmacht entladen sich im Herbst '89 – Marianne Birthler erlebt ihn wie im Rausch. Ihr Leben findet jetzt in der Kirche oder auf der Straße statt. Sie beginnt aufzuschreiben, was Demonstranten über Ausschreitungen der Polizei berichten. Und macht diese Berichte öffentlich:
Freistehend: Birthler auf Demonstration
Marianne Birthler will, dass die Wahrheit auf den Tisch kommt. Die eben noch selbst Überwachte will wissen, wie die Stasi in so viele Leben eingegriffen hat, wer die Täter waren. "Freiheit für meine Akten" lautet der Schlachtruf jener Tage, und er wird zum Leitmotiv der Aufarbeitung. Zehn Jahre später wird Marianne Birthler die "Herrin der Akten", Nachfolgerin von Joachim Gauck. Haben wir alles richtig gemacht, im Umgang mit der Vergangenheit?
Marianne Birthler
"Vieles! Aber wie ich darauf antworte hängt von meiner Tagesform ab. Es gibt Tage, da sage ich, ist doch prima, wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, die Diktaturen überwunden haben. Und dann sitze ich aber wieder mit Leuten zusammen, die wirklich schwere Schicksale hatten, die zersetzt wurden, die dann nie wieder beruflich auf die Beine kamen, heute von Sozialhilfe leben, und die jetzt sehen, dass ihr Vernehmer von damals eine stattliche Rente bekommt. Und dann frage ich mich: Haben wir alles richtig gemacht?
Autor: Tim Evers







