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Am 22. Juni 1942, morgens um sechs, fasst die neunzehnjährige Berlinerin Marie Jalowisz einen mutigen Entschluss. Die Gestapo steht schon in ihrem Zimmer, um sie zu verhaften – da flieht sie, nur im Unterrock. Sie will leben - und sie überlebt, als Jüdin in Berlin, untergetaucht, versteckt. Im Buch "Untergetaucht" erzählt sie erstmals ihre ganze Geschichte.
Marie Jalowicz
„Ich war oft am Rande der Raserei vor innerem Aufbegehren und habe stumm geschrien „Freiheit“, dass die Wände gewackelt haben.“
Marie Jalowicz lebt drei unendlich lang erscheinende Jahre in Todesangst. Die Berliner Jüdin muss 1942 untertauchen, um der Deportation zu entkommen.
Hermann Simon
„Meine Mutter wusste, dass es, wenn es eine Chance gibt, sich zu retten, dann kann sie das nur allein und zwar ganz allein. Abbruch aller Beziehungen zu allen Verwandten, die da noch existierten. Sie ist allein ganz bewusst ihren Weg gegangen.“
Er hat allen Mut zusammen genommen, sagt Hermann Simon, und seiner Mutter eines Tages ein Tonbandgerät hingestellt. Das war 1997. Der Historiker und Leiter des Berliner Centrum Judaicum kann es kaum fassen, als sie nach 50 Jahren ihr Schweigen bricht. Ihre Erinnerungen sind auf 77 Kassetten gespeichert, die sie kurz vor ihrem Tod 1998 freigibt.
Hermann Simon
„Mach was, mach was, du willst. Und dann ist das nicht nur, dass man machen kann was man will, sondern ich denke, damit geht man auch eine gewisse Verpflichtung ein mit diesem riesigen Vertrauensvorschuss, der mir da gewährt worden ist.“
16 Jahre hat Hermann Simon gebraucht, um die Aufzeichnungen in diesem Buch zu verarbeiten. Es erzählt von einer jungen Frau, die den Alptraum der Verfolgung überlebt. Marie Jalowicz wird im April 1922 geboren. Hermann Simon zeigt uns die Gegend am Alexanderplatz, in der seine Mutter als behütetes Einzelkind in einem jüdisch geprägten Elternhaus aufwächst
Das Leben der jungen Jüdin Marie wird immer schwieriger. Ihr Vater darf nicht mehr als Anwalt arbeiten. Dann stirbt ihre Mutter 1938 an Krebs, drei Jahre später stirbt auch überraschend ihr Vater. Marie Jalowicz ist mit 19 Jahren Vollwaise. Bei Siemens ist sie Zwangsarbeiterin und ahnt, dass das in der Deportation endet.
Hermann Simon
„Sie hat eben gesagt, sie geht da nicht hin, aus, Schluss. Und hat sich dem entzogen, das ist wirklich sehr mutig. Viel mutiger ist natürlich, wenig bekleidet der Gestapo einfach mal wegzulaufen, einfach zu gehen, während man sie verhaften will.“
Am 22. Juni 1942 steht die Gestapo vor ihrer Tür. Marie Jalowicz entkommt und gilt von diesem Tag an als illegal. Stundenlang läuft sie durch Berlin, ohne den Gelben Stern zu tragen. Sie fragt sich, wer schon deportiert wurde, wer noch da ist.
Marie Jalowicz
„Wenn Heimat eine ertretbare Größe wäre, dann hätte ich mir nach derartigen Wandertagen in dieser Stadt, Berlin als Heimat ertreten.“
Die junge Frau probiert alles, um noch aus Nazi-Deutschland herauszukommen. Marie Jalowicz will einen Chinesen heiraten. Sie organisiert sich falsche Papiere und versucht, nach Palästina zu fliehen. Alles ohne Erfolg.
Immer wieder muss sie in Berlin ihre Verstecke wechseln, ein jüdischer Frauenarzt sowie eine Freundin ihrer Eltern unterstützen sie dabei. Die Wohnung an der Oberbaumbrücke, in der Hermann Simons Mutter zwei Jahre bei einer alten Frau unterkommt, gibt es heute nicht mehr. Der Sohn erzählt, dass Marie Jalowicz eine unmenschliche Anpassungsfähigkeit an ihre Helfer entwickeln muss.
Hermann Simon
„Sie musste natürlich zur Verfügung sein, für viele der Retter, ob nun sexuell oder als Dienstmädchen oder als jemand, der nette Geschichten erzählt, wie auch immer. Alles hat seinen Preis.“
Immer wieder vertraut sie ihr Leben fremden Menschen in fremden Wohnungen an – und immer wieder steht irgendwo in den Unterkünften ein Korbstuhl, er verfolgt sie wie ein Fluch. Stunden verbringt Marie Jalowicz auf diesen Korbstühlen, zur Untätigkeit verdammt und beginnt, Tagebuch zu schreiben – im Kopf.
Hermann Simon
„Sie war mutterseelenallein, sie hatte niemanden, mit dem sie sich austauschen konnte. Sie saß allein in fremden Wohnungen, ihr vollkommen fremd, auch kulturell fremd, es gab kein Buch, keine Zeitung, sie konnte das Radio nicht anstellen, das ging ja alles nicht und da hat sie sich ihre Geschichte gemerkt. Und das war Teil der Überlebensstrategie.“
Sehnsüchtig wartet Marie Jalowicz auf das Kriegsende. Die Bombenangriffe empfindet sie als Vorboten der nahenden Befreiung. Als Hitler-Deutschland am 8. Mai 1945 kapituliert, feiert sie ihren größten Triumph. Sie hat überlebt und ist frei.
Marie Jalowicz
„Befreiung heißt für mich: Befreiung von Furcht und Angst als Dauerzustand, Befreiung von der großen Verfolgung.“
Autorin: Katharina Wenzel







