- Peter Sellars

Der renommierte amerikanische Regisseur Peter Sellars bringt die Johannes-Passion auf die Bühne, und zwar mit einem großartigen Ensembl: Sir Simon Rattle dirigiert und seine Frau Magdalena Kozena, viele weitere tolle Solisten und der Berliner Rundfunkchor singen.

Wer schon die Zusammenarbeit all dieser hochkarätigen Musiker bei Peter Sellars Matthäus-Passion vor vier Jahren erlebt hat, der weiß, dass einer der Höhepunkte dieser Klassiksaison bevorsteht.

Eines kann man über Peter Sellars mit Gewissheit sagen – er sorgt bei seiner Probenarbeit für eine warmherzige Atmosphäre. Über drei Wochen haben sich die Proben an der Johannes-Passion hingezogen – immer wieder hat Peter Sellars mit den Musikern über den Text gesprochen. Keine Zeile soll bedeutungslos bleiben – schon gar nicht das erste Wort.

"Erstens: Wir lieben euch! Zweitens: Wenn ihr zum ersten Mal „Herr“ singt, muss das stark sein. Schreit es raus!"

Peter Sellars, Regisseur
"Als ich jung war habe ich an einer Kirche in Boston gearbeitet. Dort gab es viele Initiativen: Essen für Obdachlose, Hilfe für Salvadorianische Flüchtlinge, Schutz für misshandelte Frauen – und jeden Sonntag eine Bachkantate. Und jede Woche hat diese Bachkantate versucht jemanden vom Selbstmord abzuhalten. Spring nicht von dieser Brücke. Und Bach hat jeden Sonntag zu jemandem gesprochen, der sich in einer Krise befand."

"Diese Musik trifft dich im Inneren, wo der Schmerz sitzt. Sie öffnet dich und du kannst wieder atmen."

Bei Peter Sellars soll alles klingen wie beim ersten Mal – nichts soll aussehen wie schon dagewesen. Schon in den 80er Jahren mischt er Opernbühnen in Europa und den USA auf. Mozarts „Don Giovanni“ verlegt er nach Spanish Harlem – der Verführer wird zum Junkie.

„Werktreue is an extremely dangerous concept.“

Werktreue ist also gefährlich. “Cosi fan tutte” in einem American Diner an – als falsches Spiel um die Liebe. Auch in der Johannes-Passion sieht er überraschende Bezüge. Jesus’ Leidensweg - Verhaftung, Verhöre – all das erinnert ihn an dunkle CIA-Machenschaften.

Peter Sellars, Regisseur
"So wie Bach das Werk strukturiert hat, geht es um schwache Menschen. Petrus, der weiß was richtig wäre, macht das Falsche. Pontius Pilatus, der weiß was richtig wäre, macht das Falsche. Wir sehen Menschen, die wissen, was zu tun ist – und es nicht tun. Und das ist nun wirklich die Welt in der wir leben."

Vor vier Jahren haben Simon Rattle und Peter Sellars die Matthäus-Passion aufgeführt. Ein überwältigender Erfolg – gerade darum sagte er erst nein zum Folgeprojekt. Doch es reizte ihn, wieder mit diesem Spitzenensemble zu arbeiten. Die, die mit ihm zu tun haben, schwärmen davon, wie er zum Nachdenken anregt. Er stellt Fragen – und möchte von jedem Antworten.

Peter Sellars, Regisseur
"Was du bekommst ist das, was wir uns von der Demokratie erhoffen – eine bessere Antwort als nur die eine – 100 Antworten. 100 Antworten haben eine bestimmte Kraft und eine bestimmte Freiheit. Und das ist begeisternd, normalerweise bekommt man nur eine Antwort."

Aus den vielen Antworten ist das beste Ergebnis entstanden – das Ganze wirkt größer als die Summe seiner Teile.

Autor: Steffen Prell

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