Der Publizist und Moderator Roger Willemsen (Bild: dpa)

- 'Das Hohe Haus'

Roger Willemsen hat jeden einzelnen Sitzungstag im Deutschen Bundestag gesessen - ein ganzes Jahr lang. Begleitet nur von seinem Kissen als einzige Bequemlichkeit hat er von der Besuchertribüne aus das Geschehen im Saal verfolgt. Herausgekommen ist ein so noch nie unternommener Selbstversuch - um zu verstehen, wie das Zentrum der Demokratie funktioniert.

Ankunft des „Volkes“. Durch die Hintertür. Ein Jahr lang verfolgt der Autor Roger Willemsen die Bundestagsdebatten von der Zuschauertribüne aus. Überraschend für ihn, der Bundestag funktioniert wie Hollywood.

Roger Willemsen, Autor
„Der Bundestag hat etwas von Hollywood, weil, überall in den Landkreisen werden diese Karrieren vorbereitet. Jeder Schauspieler möchte mal nach Hollywood, jeder kleine Kommunalpolitiker möchte irgendwann auf der Ministerbank sitzen. Und man sieht, sie haben es geschafft, da sind plötzlich 200 neue Abgeordnete, die ihre Plätze suchen, die ersten fangen schon an mit Verteilungskämpfen, wer kriegt nur einen Stuhl hinten, wer kriegt einen Stuhl mit Tisch? Wer setzt sich dabei durch? Welche Ausschüsse besetzt man? Und dann wird die Kanzlerin gewählt und vereidigt. Und alle stellen sich daneben und machen ein Foto mit ihr. Und sie muss hintereinander 50 Fotos alleine im Plenum machen. Die Fotos landen alle in den Bürgermeisterzimmern und da winkt dann Angela Merkel neben dem lokalen Abgeordneten aus dem Bild. Das ist Hollywood.“

Weniger glamourös, dafür mit Darstellern, die überbezahlt sind, meint das Volk. Stimmt nicht, hält Willemsen dagegen. Abgeordnete sind Schwerstarbeiter mit einem 16 Stunden Tag - auch wenn der Blick der Bürger aus der Kuppel oft auf leere Plenarsitzreihen fällt. Willemsens blickt auf das Ganze.

Roger Willemsen, Autor
„Wie reagiert eigentlich die Tribüne? Gibt es Protestaktionen im Saal, was ist das für eine Liebesgeschichte, die ich da unten sehe? Halten die wirklich Händchen unter der Bank? Tatsächlich tun sie. Was ist das für ein Mann, der mit einem Rucksack ans Mikrofon tritt und plötzlich entdecke ich, der ist krank und der sagt, das ist meine letzte Rede und ich werde nicht mehr auftreten können. Und ich danke meinen Gegnern dafür, dass sie mich so fair behandelt haben. Und plötzlich ist ein Moment echter Rührung da. Oder jemand bricht in Tränen aus. Oder eine Frau erleidet einen Zusammenbruch direkt am Rednerpult. Und alle diese Dinge finden sich in der tagesaktuellen Beschreibung nicht mehr wieder.“

Dafür finden sie sich in Roger Willemsens Selbstversuch „Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament“. Mit ihm werden wir zu Voyeuren. Erleben einen Ort, der eher einem Großraumbüro mit angeschlossener „Speakers Corner“ gleicht, als dem Entscheidungszentrum der Demokratie. Für wen werden die Reden hier gehalten?   

Roger Willemsen, Autor
„Ich habe manchmal auf eine Figur geguckt. Und habe nur nachgeguckt, wie oft hat die jetzt zugehört. Da gibt’s den Kulturstaatsminister Neumann, der ist eine Stunde da, der hat keinen Halbsatz von dem gehört, was auf dem Podium gesagt wird. Es gibt Leute, die sprechen ihn direkt an, er wird nicht darauf reagieren. Es gibt nach geradezu eine demonstrative Ignoranz. Thomas de Maizière in der Drohnen-Affäre wird angeklagt, man zeigt auf ihn, und er lacht und er schüttet sich aus, der macht klar, es interessiert mich nicht. Und man kann so eine Haltung nicht zeigen, ohne den draußen zu sagen, es lohnt sich nicht. Ich meine aber, es lohnt sich, weil, wenn man das Parlament ernst nimmt, dann muss man seine Debatten ernst nehmen und dann muss man sie wahrscheinlich auch besser führen.“

Mit offenem Visier zum Gegner und mit Leidenschaft. Wirkliche Debatten finden im Bundestag nicht statt. Es wird zwar gesprochen, aber man kann nicht widersprechen. Einer nach dem anderen spult seine Rede ab.

Roger Willemsen, Autor
„Ich glaube, das Unglaublichste im Parlament wäre, wenn jemand auftreten würde und würde sagen: Sie haben mich gerade überzeugt. Wissen Sie, ich muss meinen Standpunkt überdenken. Ich glaube, wir müssen zu einem anderen Resultat kommen oder zu anderen Schritten. Das passiert nicht.“

Stattdessen schwärmen die Volksvertreter nach dem Sitzungsende aus und führen die Debatten an anderen Orten. Die wichtigen Sachen werden heute nicht mehr im Parlament gesagt, die Hoheit des ersten Wortes wurde längst an die Massenmedien abgetreten.

Roger Willemsen, Autor
„Die Talkshow hat dem Parlament so viel weggenommen, dass heute Ursula von der Leyen, wenn sie einen umstrittenen Entwurf zu den Frauen in den Führungsetagen von Wirtschaftsunternehmen durchsetzt und schließlich umfällt, dann begründet sie das nicht mehr im Parlament, sondern sie begründet es abends in Berlin-Mitte. Und man fragt sich, warum ist Frau Illner offenbar geeigneter etwas gesagt zu bekommen als das, was das Parlament und mit dem Parlament Bürgerinnen und Bürger von ihr zu erwarten hätten. Über so etwas habe ich mich oft gewundert.“

Das ganze Jahr 2013 hat Roger Willemsen den Volksvertretern von 9.00 Uhr morgens bis spät in die Nacht zugesehen. Das Resultat: Ein kluger, amüsanter Einblick in den parlamentarischen Alltag und auf die politische Elite. So kenntnisreich gab es das noch nie. 

Autorin: Gabriele Denecke

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