- 'Die Familie Benjamin'

Hilde Benjamin war in den 50er und 60er Jahren Justizministerin der DDR. „Rote Hilde“ nannte man sie wegen ihrer gefürchteten Urteile. Über sie wollte der Journalist und ehemalige Regierungssprecher Uwe Karsten-Heye eine Biografie schreiben. Doch als er begann, sich näher mit ihr zu beschäftigen, merkte er, dass er die berührende Geschichte der gesamten Familie Benjamin erzählen muss...

Grischa Benjamin kommt nur noch selten nach Berlin, der Heimatstadt seiner berühmten Familie. Er lebt heute in Kiev, hat in Moskau Außenpolitik studiert. Sein Großvater ist Georg Benjamin, ein Kommunist, Widerstandskämpfer in der Nazizeit, seine Großmutter ist Hilde, die in der DDR als "rote Hilde" verschrien war. Sein Onkel ist Walter Benjamin, der weltbekannte Philosoph.

Grischa Benjamin
"Die Bejamins waren auf jeden Fall kosmopolitisch. Soweit ich das beurteilen kann, waren sie immer Optimisten. Eine Jahrhundertgeschichte ich es letztlich bedingt durch die deutsche Geschichte, weil jedes Einzelschicksal ist mit Tragik behaftet."

Berlin in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Georg Benjamin kennt als Seuchenarzt die katastrophale Lage des Proletariats. Seine Frau Hilde ist Anwältin der einfachen Leute. Beide sind Kommunisten, werden von den Nazis verfolgt. Auch Georgs Bruder Walter, ein linksliberaler Philosoph, ist in Gefahr. Die  Benjamins sind Juden.  

Uwe- Karsten Heye ist Journalist und Autor. Eigentlich wollte er ein Buch über Hilde Benjamin schreiben, er durfte sich im Familienarchiv und entdeckte mehr und mehr, welche Bedeutung der Philosoph Walter Benjamin für die Familie hatte. 

Uwe-Karsten Heye, Autor
"Alle, die damals in Opposition zu den Nationalsozialisten, zur Nationalsozialistischen Partei standen und eine Vorstellung hatten, wohin das führen würde und er hatte da eine deutliche Vorstellung, was da auf Deutschland und Europa zukommen würde."

Walter Benjamin ahnt frühzeitig, dass Deutschland vor einem verhängnisvollen Abgrund steht. Mit gerade einmal 40 Jahren entschließt er sich, sein Testament zu machen. 1933 verlässt er Berlin in Richtung Paris. Benjamin lebt im Exil unter schwierigen Verhältnissen, was ihn am Leben hält, ist seine philosophische Arbeit, sein Lebensthema, die "Geschichte der Moderne".

Uwe-Karsten Heye, Autor
"Ja, das war ein Stück, nicht soweit weg von Deutschland zu sein und dennoch scheinbar in Sicherheit, bis zum Überfall auf Frankreich. Für viele in den Zeiten war Frankreich das Exilland der Opposition."      

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich entschließt sich Walter Benjamin gemeinsam mit seinen Freunden Franz Werfel und Golo Mann zur Flucht. Er will über Spanien nach Amerika. Der Plan scheitert am Fuße der Pyrenäen. Um sich einer Festnahme und Auslieferung an die Gestapo zu entziehen, greift er zu einer Überdosis Morphium. 

Uwe-Karsten Heye, Autor
"Eine Situation zu haben, wo Du keinerlei Chancen mehr hast dein Leben weiter zu leben. Dass er mutmaßlich sich das Leben genommen hat, als er von den spanischen Behörden zurück nach Frankreich geschickt werden sollte, was der unmittelbare Weg ins Vernichtungslager gewesen wäre.

Zwei Jahre später wird auch sein Bruder Georg ermordet. Die Bewacher des Konzentrationslagers Mauthausen haben ihn in den elektrischen Stacheldrahtzaun getrieben. Nur Hilde Benjamin und ihr Sohn Michael überleben das Grauen. Die Chance auf einen Neuanfang, sieht sie nur in der DDR. Sie wird Richterin, tritt in die SED ein und wird eine enge Vertraute von Walter Ulbricht.

Uwe-Karsten Heye, Autor
"Ich denke, dass die Familie den großen Vorteil hat exemplarisch zu sein als Familie, für die Zeit vor 1945 und nach 45, indem Hilde Benjamin, als spätere Justizministerin der DDR, ja auch einen Teil DDR-Geschichte repräsentiert."

In der jungen DDR macht sie schnell Karriere und wird Vizepräsidentin des Obersten Gerichts. Im Prozess gegen den Saboteur Burianek erwirbt sich Hilde Benjamin den Ruf einer kompromisslosen Richterin.

Wochenschau
"Berlin, Oberstes Gericht der Deutschen Demokratischen Republik. Dem kaltschnäuzigen Banditenchef Burianek verkündete die Vizepräsidentin des Obersten Gerichts das Todesurteil"

Ins Visier von Staatssicherheit und  Justiz geraten auch sogenannte "Abweichler". Menschen, die eigentlich nur einen besseren Sozialismus wollen, werden als Agenten des Klassenfeindes verurteilt. 1967 tritt Hilde Benjamin als Justizministerin der DDR ab. Es gibt seltene Aufnahmen aus dieser Zeit: gemeinsam mit ihrem  Sohn Michael und Enkel Grischa.

Grischa Benjamin
"Ich hab meine Großmutter, die Hilde Benjamin noch sehr aktiv erlebt. Sicher nicht die "liebevolle Omi", aber durchaus die liebende Großmutter und auch Erziehende. Und kurz vor ihrem Tod hat sie auf jeden Fall mir gesagt, dass viele Dinge, insbesondere was Demokratie, was Meinungsäußerung betrifft, freie, nicht richtig liefen. Wo sie sich mit Sicherheit eingestehen musste, dass viele der Ideale die sie hatten, eben nicht umgesetzt wurden und dass sie auch Fehler gemacht haben."

Für Grischa Benjamin ist das Buch von Uwe-Karsten Heye eine unerwartete Reise zur eigenen Geschichte. Ganz nebenbei wird die Tragik eines ganzen Jahrhunderts sichtbar.

Autor: Thomas Walther

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