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Vor mehr als 200 Jahren reiste der Berliner Naturforscher Alexander von Humboldt fünf Jahre lang kreuz und quer durch Südamerika. Über seine Erlebnisse und Erkenntnisse führte er akribisch Tagebuch: Neun Bände füllte er mit seiner winzigen Schrift und seinen Illustrationen. Diese berühmten amerikanischen Humboldt-Tagebücher hat nun die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für Berlin erworben.
Juni 1802: Alexander von Humboldt besteigt den mehr als 6000 Meter hohen Chimborazo (gesprochen Schimborasso) im heutigen Ecuador, der damals als höchster Berg der Welt galt.
Zitat Alexander von Humboldt
„Wir fingen nun an, alle an großer Übelkeit zu leiden. Der Drang zum Erbrechen war mit etwas Schwindelgefühl verbunden und weit lästiger als die Schwierigkeit, zu atmen. Wir bluteten aus dem Zahnfleisch und den Lippen.“
In seinem Reisetagebuch notiert Alexander von Humboldt die Symptome der Höhenkrankheit. Er ist der erste, der dieses Phänomen beschreibt. Humboldt ist kein Abenteuersuchender Extrembergsteiger, sondern wissbegieriger Forscher.
Ottmar Ette, Professor
„Alexander von Humboldt ist zunächst einmal, ich glaube, das darf man durchaus im Positiven sagen, ein Besessener, er ist besessen von einer Idee, er ist besessen davon, dass Wissen unendlich ist.“
Ottmar Ette ist Professor und fasziniert von Humboldts Wissenshunger. Dass dessen Amerikanische Reisetagebücher nun endgültig in Berlin bleiben, ist für den Humboldt-Experten und sein Forscherteam ein großes Glück. Denn die neun Bände mit knapp 4000 Seiten sind bislang nur zu einem Bruchteil erforscht. Sie erzählen von einer unglaublichen Expedition:
Mit modernsten Messgeräten im Gepäck macht sich der 29-jährige Humboldt mit seinem Kompagnon, einem französischen Botaniker, auf die Reise. Im Juli 1799 landen sie an der Küste Südamerikas. Sie reisen in einem Einbaum Hunderte von Kilometern auf Flüssen wie dem Rio Casiquiare (gesprochen Rio Kasiki-are) im heutigen Venezuela. Humboldt notiert Flussverläufe und Klimadaten. In sein Tagebuch schreibt er:
Zitat Alexander von Humboldt
„Der Hauptzweck unserer Flussfahrt beschränkte sich darauf, mittels astronomischer Beobachtungen den Lauf des Casiquiare aufzunehmen. Waren weder Sonne noch Sterne sichtbar, so war dieser Zweck nicht zu erreichen und wir hatten uns vergeblich schweren Mühseligkeiten unterzogen.“
Fünf Jahre ist Alexander von Humboldt unterwegs, bereist Ecuador, Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Peru und Kuba. Er sammelt 60 000 Pflanzen und studiert die Tierwelt.
In sein Tagebuch zeichnet er Landschaften, notiert Daten über Astronomie, Klima, Vegetation und Bodenschätze. Humboldt will das Zusammenwirken aller Naturkräfte verstehen. Oft schläft er in der Natur, ernährt sich von Reis und Maniok. Der junge Forscher erlebt Erdbeben, kämpft gegen Schlangen und Krokodile, wird von Moskitos blutig gestochen.
Ottmar Ette, Professor
„Humboldt ist an seiner Aufgabe gewachsen, er wusste, dass er ein lebensgefährliches Unternehmen angehen würde, er hat sich auf ungeheure Strapazen eingelassen und er ist aus diesen Strapazen im Grunde wesentlich stärker wieder heraus gekommen, er hat von diesem Zeitpunkt an eine sehr starke Gesundheit entwickelt und nicht umsonst hat er gesagt die Tropenwelt ist mein Element.“
Humboldts Tagebücher sind auch die Notizen eines Literaten und Philosophen, der ganz im Geiste der Aufklärung die spanischen Kolonien in Südamerika bereist und über Missstände berichtet.
Zitat Alexander von Humboldt
„Alles, was man in Europa von Sklavenbehandlung sagt, ist überaus wahr. Man kann nichts übertreiben, so schändlich ist diese Behandlung. In Europa geht man aufs Land, um stille Freuden zu genießen. Hier hört man Ketten rasseln.“
Für Ottmar Ette sind die Amerikanischen Reisetagebücher ein Gesamtkunstwerk, das er für höchst aktuell hält, gilt Humboldt doch als Vordenker der Globalisierung.
Ottmar Ette, Professor
„Wir haben die Chance, jetzt ein ganz neues Alexander von Humboldt-Bild von den Texten her, von den Handschriften her zu entwickeln, das heißt, man beschäftigt sich jetzt überhaupt erst mal mit seinen Texten und nicht nur mit einem Image, einem Bild, das über die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte entstanden ist.“
Mit der Erforschung der Tagebücher erfüllt sich nun endlich Alexander von Humboldts letzter Wille. Er verfügte vor mehr als 150 Jahren, dass seine Tagebücher der Wissenschaft und dem Publikum zugänglich gemacht werden.
Autorin: Katharina Wenzel







