-
Zärtlichkeit und Gewalt, Liebe und Hass können sehr nah beieinander liegen. Das zeigt auch der Film "Die Frau des Polizisten". Lange hat Regisseur Philip Gröning zu diesem Thema recherchiert – herausgekommen ist jetzt sein zutiefst verstörender Film, der von dem Abgrund hinter der Fassade einer glücklichen Familie erzählt.
Eine Bilderbuchfamilie. Der Vater ist Polizist, die Mutter kümmert sich liebevoll um die Tochter. Harmonisch, perfekt wirkt das Leben der drei. Doch da gibt es eine Schattenseite, die blauen Flecken erzählen beiläufig von der Schlägen in der Nacht zuvor. Zurückhaltend, sehr leise wird die Gewalt hier inszeniert. Ein Film, der das Publikum aufwühlt- wie hier bei einer Sondervorführung und mit vielen Fragen zurücklässt. So will es der Regisseur Philip Gröning: Passend zum Filmstoff – Gewalt in der Familie. Das ist beschämend oft Alltag.
Wieso kann sich diese Frau nicht wehren? Nur mit der Munddusche traut sie sich, ihren Mann anzugreifen. Es sind Szenen voller Natürlichkeit. Wunderschöne Bilder, die von der Zerstörung einer Liebe erzählen, vor allem aber auch von der gefährlichen Nähe der beiden.
Philip Gröning, Regisseur
„Es gibt keine wirklich intime Beziehung, die einen nicht auch irgendwo bedroht. In der Identität bedroht. Man muss sich ja verändern in der Liebe. Und deshalb ist es für mich ein Film über Intimität. Wo ich parabelhaft durchspielen: was kann da glücken und was kann da schiefgehen?"
Während die Misshandlungen zunehmen, rücken Mutter und Tochter immer enger zusammen; verzweifelt bemühen sie sich, den Traum der heilen Welt weiterzuleben. Dabei wird die Isolation, das Schweigen, die Abhängigkeit, immer mächtiger in diesen Familien. Davon haben viele Betroffene, Männer und Frauen, erzählt.
Philip Gröning, Regisseur
„Das sind ja Beziehungen von wahnsinnigen Verlassenheitsängsten, von unfassbaren Liebesunsicherheiten. Dass dieser Mann das Gefühl hat, diese Frau hätte ihn einfach verlassen können, in dieser Sekunde, vor dem Fernseher. Ohne jede Warnung. Da merkst natürlich, dass das ein Mensch ist, für den Liebe und Angst sehr eng zusammen gehören."
Fast drei Stunden beleuchtet Philip Gröning diese unheilvolle Liebe. In 59 Kapiteln, zwischen den Kapiteln gibt es lange, dunkle Pausen. Der Regisseur will Raum lassen, für eigene Gedanken. Wie bei Gedichten. Intuitiv, sehr frei arbeitet er: als Cutter und beim Drehen, als Regisseur und Kameramann. Immer folgt er den Bildern in seinem Kopf, dem magischen Moment, in dem das Spiel zur Wahrheit wird. Bezaubernd und zutiefst verstörend ist das. Die Misshandlungen, die Dialoge allerdings sind pure Realität, die Tochter, die der Mutter sagt, dass sie stinkt.
Alexandra Finder, Schauspielerin
„Diese Szene, wo die Tochter sagt, Mama du stinkst, das ist wirklich aus den Interviews, mit den Opfern herausgekommen, dass sie sich wirklich um sie selbst nicht mehr gekümmert haben. Nicht mehr gepflegt haben, nicht mehr Zähne geputzt haben, sich nicht mehr gewaschen haben. Sie hören auf, in gewissen Punkt, zu existieren.“
Alexandra Finder spielt diesen Kampf um das Überleben atemberaubend. Vieles ist improvisiert, spontan entstanden…
…am Ende bleibt die Gewalt: grausam wie im Märchen.
Julia Franck, Schriftstellerin
„Ich glaube, das macht den Film auch u.a. auch schwer erträglich oder schmerzhaft, dass er uns auch das vermittelt: dass es in der Gewalt selbst ein absolut unverstehbares Moment gibt; die Gewalt selbst können wir nicht verstehen."
Ob wir diese Gewalt weitergeben oder doch Liebe, das ist unsere Freiheit, davon ist der Regisseur überzeugt. Bildgewaltig, hochkünstlerisch und irritierend schön hat er diese Botschaft verfilmt.
Autorin: Petra Dorrmann







