- Per Leo: 'Flut und Boden'

Die in Berlin lebende ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja ist für den Preis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nominiert. Ebenfalls auf der Liste stand der Berliner Autor Per Leo. In seinem Roman "Flut und Boden" geht er der Geschichte seiner Familie auf den Grund: Sein Großvater Friedrich war ein Nazi-Verbrecher - und zwar einer, der sich bewusst auf das Regime eingelassen hat.

Abschied. Ein letztes Mal fährt Per Leo an die Weser, zum Familienstammsitz. Nach dem Tod des Großvaters wird dieser verkauft. Leos Erbe - die Bücher des Großvaters, ideologische Gesinnungsliteratur, jahrzehntelang hinter einem Vorhang verborgen. Warum hatte er nie diesen Vorhang gehoben? Warum hatte ihn nie interessiert, dass sein Großvater ein Nazi gewesen war?

Per Leo, Autor
„Es war bei mir, in meinem Elternhaus niemals Gegenstand längerer Gespräche, auch keines großen Interesses, dafür musste der Großvater erst sterben und eine bestimmte Situation entstehen, in der er dann als Nazi interessant wurde. Das hatte gar nichts mit Bürde zu tun oder mit Scham oder Schuldbewusstsein, sondern eher damit und so ist es ja auch geschildert, dass der Ich-Erzähler in einer biografischen Krise den Großvater fast als einen Rettungsanker entdeckt.“

Der Ich-Erzähler Per Leo ist Anfang zwanzig, angehender Historiker, voller Selbstzweifel und Versagensängste, als sich die Geschichte des Großvaters in sein Leben drängt. Er beginnt zu recherchieren und hört gleichzeitig Vorlesungen über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Es geht um Fakten, Zahlen, Daten, jenseits von Gefühlslagen. Wie viele Häftlinge saßen 1938 in deutschen Konzentrationslagern? Wie viele Juden wurden in Auschwitz ermordet? Wer waren die, die das angeordnet haben? Freundliche Männer, traditionsbewusst, Familienväter, wie Friedrich Leo.    

Der Großvater saß im Berliner Rasse- und Sicherheitshauptamt der SS. Was hat er da getan?

Per Leo, Autor
“Er hat Unterschriften geleistet, die unmittelbar tödlich waren. Das ist entsetzlich, aber es ist nicht das Handwerk eines Metzgers. Er hat an keinen Gemetzeln und keinen unmittelbaren Morden teilgenommen, das macht es nicht besser. Das ist ja das Verstörende auch, dass die Art von Rassismus, die mein Großvater verkörpert hat, zwei Seiten hat: Das eigene Kollektiv stark zu machen und auf der anderen Seite eigentlich alles, was nicht dem eigenen Kollektiv zugehört, zunächst sich selbst zu überlassen aber unter Bedingungen eines Weltkriegs ist das eben Völkermord.“

Friedrich, ein Sohn aus gutem Haus, dessen Lebensweg der Enkel akribisch nachzeichnet. Es ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die den Jungen prägt. Die Familie, die in der Villa hoch über der Weser lebt, gehört zum Wirtschafts- und Bildungsbürgertum. Die Leos sind national, völkisch, heimatverbunden, mit Goethe auf Du und Du. Feinsinn und Belesenheit kommen hier zusammen. Friedrich, der drittgeborene, ist rebellisch, ein Schulabbrecher, der später seine Chance im Nationalsozialismus erkennt. Der Enkel stellt sich die Frage: Wie konnte dem Rassismus der Nazis verfallen, ihnen zuarbeiten?

Per Leo, Autor
„Hier sieht man jetzt meinen Großvater in einem Rekrutenlager der Waffen-SS 1944. Nach allem, was man weiß über ihn, ist das vielleicht die Rolle gewesen, die er mit der größten Leidenschaft, auch dem größten Talent ausgeführt hat, nämlich, weltanschauliche Predigten zu halten und dann die jungen Köpfe der Rekruten im ideologischen Sinne zu formen.“

Per Leo, Autor
„Für mich war die große Chance, bestand für mich darin, dem fast plakativ repräsentativen Nazi eine Gegenfigur an die Seite zu stellen, nämlich seinen ältesten Bruder, der auf eine ganz faszinierende, anders faszinierende, viel tiefer faszinierende Weise ein Gegenentwurf zu diesem Bruder war. Ein in jeder Hinsicht vorbildlicher, wenn Sie so wollen, schöner Mensch. Im inneren Sinne.“

Per Leo erzählt nicht nur die Geschichte seines Großvaters, sondern auch die seines Großonkels. Der nicht bei den Nazis mitmacht, ein  Feingeist und Antroposoph, der an einer Erbkrankheit Morbus Bechterev leidet und 1938 zur Zwangssterilisation durch die Nazis gezwungen wird.

Per Leo, Autor
„Es ist eine Riesenbürde zu wissen, dass dieser Stoff hundertfach erzählt wurde. Aber irgendwann kommt man eben dazu, dass man sagt, dass ist doch kein Argument dagegen. Und die Chance besteht darin, einen uralten Stoff auf eine neue Weise zu erzählen.“

Per Leo hat die Chance genutzt und mit seinem Debüt „Flut und Boden“ einen unkonventionellen Blick in die Vergangenheit geworfen. Er legt eine Geschichte jenseits aller Klischees vor, weil er den Mut aufbringt, von seiner eigenen Familie zu erzählen.

Autorin: Gabriele Denecke

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