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Seinen ersten Roman schrieb der Berliner Schriftsteller Edgar Rai nur für die Schublade. Fünf Jahre lag er da rum, bis er Edgar Rai bei einem Umzug wieder in die Hände fiel und er ihn an einen Verlag schickte – die ihn tatsächlich druckten und ihn fragten, ob er nicht noch einen schreiben könnte. Mittlerweile hat er 15 Bücher geschrieben, jetzt erscheint sein neues Buch "Die Gottespartitur".
Die Gottespartitur besteht aus acht losen Blättern. Doch wer diese Noten auf einer Orgel spielt, dem soll Gott erscheinen. Allerdings gibt es bisher niemanden, der davon berichten kann: Denn noch jeder ist bei dem Versuch gestorben.
Keine Angst: Die "Gottespartitur", diese Musik, die töten kann, gibt es nur im Buch. Oder etwa nicht?
Edgar Rai, Schriftsteller
"Es wird immer wieder gesprochen über Musikstücke, die töten können. Es gibt Beispiele, wo das passiert ist, die Frage ist nur, warum das so ist. Ich habe das lange recherchiert: Es gibt Fälle, wo das wirklich so gewesen ist - ob der nicht auch im Normalfall einen Herzinfarkt bekommen hätte, bei größerer seelischer Belastung... Aber tatsächlich kann Musik eine Art von Stress auslösen durch, sagen wir mal, Literatur oder eine Statue nicht zu machen ist."
Edgar Rai ist 47 und von Beruf Schriftsteller. Jeden Tag setzt er sich morgens um 9 in ein Café und schreibt. Es ist das Leben, von dem er früher geträumt hat. Damals hangelte er sich von Job zu Job, während zu Hause ein Roman lag, den keiner haben wollte. Später rettete er sich mit Sachbuch-Aufträgen und Übersetzungen über die Runden. Jetzt staunt er manchmal darüber, wieviel Geld ihm für ein neues Manuskript geboten wird.
Eines aber hat sich in all den Jahren nicht geändert.
Edgar Rai, Schriftsteller
"Ich schreibe immer zuerst mit der Hand. Ich sage mal ganz kitschig: Das Maß der geistigen Durchdringung ist einfach größer, bevor ich einen Satz aufschreibe, wenn ich den mit der Hand aufschreibe. Wenn das wirklich Arbeit mit dem Stift ist, dann denke ich vorher länger über den Satz nach. Wenn ich am Computer sitze, dann mache ich das Wort weg, dann schiebe ich das Wort um - ist nicht. Wenn ich mit der Hand schreibe, ist der Grad der Versenkung einfach größer. Und ich finde das echt schön, dass ich so einen Job habe, der mir jeden Morgen sagt: Ok, setz dich ran, denke nach, mache die Kappe hinten auf den Stift und wenn du soweit bist, schreib den ersten Satz."
Der erste Satz seines grandiosen neuen Romans "Die Gottespartitur" führt auf die Frankfurter Buchmesse. Hier wird der Literaturagent Gabriel von einem Priesterschüler angesprochen - er reicht ihm einen Brief, in dem er von einer bedeutenden Entdeckung berichtet: Der Gottespartitur. Gabriel lässt das kalt. Bis er vom Tod des Schülers hört. Jetzt beginnt es in ihm zu arbeiten. Kann es das geben: Einen Beweis für die Existenz Gottes? Der Thriller entpuppt sich schnell als Sinn-Suche.
Edgar Rai, Schriftsteller
"Ich bin nicht ganz so alt wie Gabriel, aber so Mitte/Ende 40, und wenn ich mich so umsehe, in meinem Freundeskreis, sehe ich, dass da relativ viele sind, die jetzt an so einen Punkt kommen, wo sie sich fragen: Ist es das schon gewesen? Mache ich jetzt noch meinen Job, 20 Jahre lang, und dann gehe ich in Rente? War es das oder kommt da noch mehr? Wollte ich nicht eigentlich was ganz anderes?"
Edgar Rai will nichts anderes, als von und mit Büchern zu leben. Vor einem Jahr hat er eine Buchhandlung aufgemacht, eher als Hobby denn zum Geldverdienen, und nachmittags, wenn er mit dem Schreiben fertig ist, steht er im Laden, sortiert, stapelt und empfiehlt Bücher.
Was sich verkauft und was nicht, sieht er hier jeden Tag. Edgar Rai sagt, er hatte nie romantische Vorstellungen vom Literaturbetrieb. Ernüchtert ist er manchmal trotzdem.
Edgar Rai, Schriftsteller
"Wenn heute ein Buch erscheint, so wie jetzt zum Beispiel gerade meins, dann hat es so drei Monate Zeit um 'Schwimmen' zu lernen. Wenn es bis dahin nicht schwimmen gelernt hat, ist es in sechs Monaten tot. Das ist so. Ich erlebe ganz oft, das wirklich gute Bücher sang und klanglos vom Markt verschwinden, einfach, weil es nicht gelungen ist, ihnen so eine Initialzündung zu verleihen und soviel Energie mit auf den Weg zu geben, dass sie genug Aufmerksamkeit generieren, um zu bleiben. Die meisten sind wieder weg, nach einem halben Jahr."
Die "Gottespartitur" wird länger bleiben, so rasant und pointiert schreibt Edgar Rai über Glaube und Zweifel. Er selbst ist schon wieder weiter, beim nächsten Buch. Sein Platz im Cafe wird noch eine Weile besetzt bleiben.
Autor: Tim Evers








