- Farbe für die Republik

Eine neue Foto-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum erzählt vom Leben in der DDR - aber nicht vom wirklichen Alltag, sondern von einer auf Hochglanz gebürsteten, farbenfrohen DDR. Viele der Bilder stammen von Martin Schmidt. Seit den 50er Jahren fotografierte er VEBs, LPGs, Kitas und Altersheime - und inszenierte die DDR als modernen Staat. Eine Inszenierung, zu der Martin Schmidt noch heute steht.

Junge Pioniere auf Forscherausflug, 1969. Und die VEB-Arbeiterin unter der Haube und mit Lippenstift. Immer hübsch freundlich, immer souverän lächeln. Staatstragende Fotos. Und fast vergessen, diese Bilder aus dem Arbeiter- und Bauernstaat. Szenen voller zupackendem Optimismus hat der Fotograf festgehalten. 40 Jahre lang, als freiberuflicher Bildreporter: Martin Schmidt.

Martin Schmidt, DDR-Bildjournalist
"Ich wollte damit sagen, die Frauen gehören genauso wie die Männer auf den Traktor, die Frauen haben dieselbe Arbeit, die Frauen kriegen hoffentlich das selbe Geld - haben sie auch - die haben auch dieselben Vorteile. Und auch Nachteile bei der Arbeit. Also Gleichberechtigung der Frauen auf allen Gebieten, das war mein innerer Auftrag."

Die Segnungen des Sozialismus wollte er von Anfang an fotografieren - aus Überzeugung. Denn die Kriegserlebnisse sind ihm noch heute eine Mahnung. 88 ist er jetzt, nie hat er damit gerechnet, dass seine Fotos einmal ausgestellt werden. Die Errungenschaften für die Frauen im Betrieb - wen soll das heute noch interessieren? Frisches Gemüse inklusive Gesundheitscheck - all das gab es im VEB. Die Plage des Alltags indes, ist auf seinen Fotos unterbelichtet.

Martin Schmidt, DDR-Bildjournalist
"
Superalte Technik, verfallene Gebäude - na wir wissen ja, dass wir haben. Aber wir wissen nicht, was wir schon alles Neues geschaffen haben. Und das habe ich dann gemacht. Es sollte ja alles einen optischen, positiven Eindruck machen und einen gewissen Anreiz, es auch besser zu machen, so wie auf dem Foto."


Die bunte Fröhlichkeit, die naive Propaganda irritieren heute. Alles scheint im Rückblick irgendwie falsch, verharmlosend. Zeitungen und Zeitschriften der DDR waren voll von diesen "neuen Menschen": Kein Missstand, nirgends die Stasi. Genau das hat Carola Jüllig gereizt, diese "pure emotionale Überwältigung". Deshalb stellt sie die seltenen Farbfotos aus.

Carola Jüllig, Kuratorin
"So wollte sich die DDR sehen, so hat sie sich präsentiert. Es sind Wunschbilder. Es ist eigentlich eine DDR, die sich so inszeniert, wie sie sich als Staat empfunden hat, es ist wie immer im Kommunismus: Wir haben ein Ziel, dem wir zustreben, dem wir zuarbeiten, worauf wir hinarbeiten und die Bilder sind das Versprechen, dass es so werden wird."


Nur wer genau hinsieht, entdeckt in den Ecken, am Rand auch die triste Wahrheit. Lebensmittel, die beliebten Tempolinsen wurden hier produziert. Außerdem zeigt die Ausstellung den politischen "Überbau": Die Anweisungen der Partei für Journalisten und Bildreporter.

Immer schön vom Klassenstandpunkt aus agitieren. Martin Schmidt hatte diese Parolen perfekt verinnerlicht. Er geht auf in dieser neuen Gesellschaft und sorgt für die richtige Stimmung.

Martin Schmidt, DDR-Bildjournalist
"Na ja, da macht man immer ein paar Witzchen oder spricht mit ihnen dabei. Ich mache keine Bilder ohne Inhalt und sie haben meistens einen gesellschaftlichen Inhalt."


In diesem Sinne, und im Auftrag der "Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft" hat Martin Schmidt sämtliche Lenins der DDR fotografiert. Lenin auf dem Sockel, dekoriert mit Fußvolk: eigentlich wirken die Fotos fast niedlich. Ein netter Versuch. Von wegen "vorwärts immer, rückwärts nimmer". Die Realität hat diese Fotos längst Lügen gestraft. Jetzt sind sie einfach spannende historische Dokumente.


Autorin: Petra Dorrmann

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