- Das russische Berlin von Vera Lourié

Die meisten in Berlin lebenden Russen wohnen in Charlottenburg - wie zu Beginn der 1920er Jahre, als Charlottenburg auch "Charlottengrad" genannt wurde und sich hier die russische Bohème versammelte. Mittendrin die junge, gerade aus St. Petersburg geflüchtete Dichterin Vera Lourié. Jetzt erscheinen ihre Erinnerungen als Buch. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor)

Berlin in den 20er Jahren. Die Journalistin Vera Lourié ist Teil der russischen Emigrantenszene, trifft sich mit Künstlern und Intellektuellen, die hier Zuflucht gefunden haben.

Vor gut 30 Jahren, in hohem Alter, hat sie bereits ihre Erinnerungen an diese Zeit aufgeschrieben. Erst jetzt sind sie vollständig erschienen.

Doris Liebermann, Herausgeberin
"Vera war eine ganz außergewöhnliche Frau, die war ja schon ziemlich alt damals Anfang, Mitte 80 und lebte eigentlich ein Leben der Boheme weiter, dass sie auch in den 20er Jahren in Berlin gelebt hatte."

Die Berliner Journalistin Doris Liebermann beschäftigt sich schon seit Jahren mit Vera Lourié und mit der Geschichte des russischen Berlins. Sie lernt Vera Lourié in den 80er Jahren noch persönlich kennen und dreht einen Film über sie und die anderen russischen Emigranten. Dabei entsteht eine der wenigen Filmaufnahmen von Vera Lourié. Sie liest ein Gedicht.

"Der kalte Asphalt von Berlin" -  Worte voller Sehnsucht über ihre unbeschwerte Kindheit in Russland. Vera Lourie wird 1901 geboren und wächst in einer großbürgerlichen Familie in St. Petersburg auf. Ihr Vater, ein erfolgreicher Arzt, beschließt nach der Oktoberrevolution von 1917 mit der Familie zu flüchten. 1921 kommen sie in Berlin an.

Es war eine Massenauswanderung. Anfang der 20er leben etwa 300.000 Russen in der Stadt. Darunter viele Maler, Philosophen, Filmeregisseure, Künstler wie Marc Chagall,  Schriftsteller Maxim Gorki oder der damals bekannte Verleger Abram Wischjnak.

Vera Lourié taucht ein in diese russische Bohème, lernt den berühmten russischen Dichter Andrej Bihly kennen. Er verliebt sich in sie und will aus ihr eine große Dichterin machen.

Doris Liebermann, Herausgeberin

"Er bot ihr an Gedichte in der Zeitung Eupeam, eine russische Zeitung in Berlin, zu veröffentlichen, aber der Verleger Wischnjak sagte, ihre Gedichte sind für meine Zeitschrift nicht gut genug, aber ich kann Ihnen gerne eine Flasche Parfüm schenken, und da war sie unglaublich beleidigt."


Immerhin schreibt sie Zeitungsartikel, berichtet über Intrigen und Liebesaffären, geht auf Partys mit Malern wie El Lisitzky oder dem Schriftsteller Ilja Ehrenburg.

Vera Lourié (1987)
"Er hat geschrieben in der Prager Diele. Prager Diele befand sich am Prager Platz. Es ist nichts mehr geblieben davon. Oben war die Pension Prager Haus, unten war die Prager Diele. Ehrenburg hatte dort einen Tisch, an dem er am Vormittag seine Werke geschrieben hat. Am Abend hat er dort empfangen seine Verehrer, seine Bekannten und die Leute, die aus der Sowjetunion kamen usw."


Schließlich trifft Vera Lourié ihre große Liebe, den Anwalt Alexis Posnakow. Während viele Russen Ende der 20er Jahre Berlin schon wieder verlassen, bleiben Vera und ihr Geliebter. In der Nazizeit fälscht Alexis Posnakow Pässe für russische Juden. Dafür wird er nach Dachau verschleppt und 1941 ermordet.

Auch Vera Lourié ist Halbjüdin. Sie bleibt trotzdem in Berlin in der Hoffnung, dass ihr Verlobter zurück kommt, und lebt weiterhin in der Westfälischen Straße 56. Mit viel Mut und Glück überlebt Vera Lourié den Nationalsozialismus und den Krieg.

Doris Liebermann, Herausgeberin
"Dann hat sie das Kriegsende erlebt als die Rote Armee kam, als die sowjetischen Soldaten  kamen, sie im Keller war mit den anderen Mietern und entgegen geschickt wurde und sagen sollte, es lebten keine Nazis in dem Haus. Und sie aber gleich sagte, ich werde nicht lügen, was vielleicht auch ihr Glück war, dass sie ungeschoren davon gekommen ist."

Nach dem Krieg interessiert sich niemand für ihre Geschichte. Erst gegen Ende ihres Lebens schreibt Vera Lourié hier im Hof doch noch ihre Erinnerungen auf. Es sind einmalige Dokumente über ihr persönliches, aber auch über das kollektive Drama der russischen Exilanten in Berlin.


Autorin: Margarete Kreuzer

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