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Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad ist einer der wichtigsten Kritiker des politischen Islam - und damit hat er sich jede Menge Feinde gemacht. Einschüchtern lässt er sich trotzdem nicht. In seinem neuen Buch, für das er Morddrohungen erhielt, unterstellt er dem Islamismus Parallelen zum Faschismus.
So sieht es aus, wenn Hamed Abdel-Samad derzeit öffentlich auftritt. Sicherheitskräfte drinnen und draußen, Taschenkontrollen. Was wäre, wenn hier irgendjemand jene "Fatwa", den Mordaufruf gegen ihn, umsetzen wollte?
Hamed Abdel-Samad vergleicht in einem provokanten Buch den Islam mit dem Faschismus. Damit brachte er Muslime in aller Welt gegen sich auf.
Hamed Abdel-Samad, Publizist
"Ich bin unter Polizeischutz, es gibt Beamte, die auf mich aufpassen. Mein Leben ist nicht mehr dasselbe. Ich kann nicht mehr U-Bahn fahren oder S-Bahn. Ich kann nicht spontan in einer Menschenmenge sein, aber trotzdem ist es das mir wert. Meine Redefreiheit ist mir viel wert. Ich habe sehr viel dafür getan und ich bin nicht bereit, das aufzugeben."
Islamisten haben den gebürtigen Ägypter und deutschen Staatsbürger für "vogelfrei" erklärt. Wie kam es dazu?
Vor knapp zehn Monaten hält er einen Vortrag in Kairo. Titel: "Der religiöse Faschismus". Er meint damit: Den Islam.
Am nächsten Tag findet sich dieser Aufruf im Netz: Wanted Dead! Dann fordert ein Prediger im Fernsehen seinen Kopf.
Ausschnitt
"Er hat den Propheten beleidigt. Und wer den Propheten beleidigt, muss getötet werden, selbst wenn er bereut. Wir haben das Parlament gebeten, das Todesurteil zu vollstrecken, an jedem, der den Propheten beleidigt."
Abdel-Samad taucht unter. Jetzt bekräftigt er seine These in einem Buch, schreibt: Fanatismus und Intoleranz seien schon in den Wurzeln des Islam angelegt.
Hamed Abdel-Samad, Publizist
"Wer hat das Dschihad-Prinzip erfunden? Sind das die modernen Islamisten oder der Prophet selbst? Wo gibt es diese Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige? Das ist im Koran selbst. Wer hat diesen Anspruch, die Welt zu beherrschen? Das ist der Ur-Islam. Sonst hätten wir ja all diese Eroberungskriege nicht gehabt. Wer ruft zum Mord gegen Ungläubige auf? Das ist der Koran. Ich greife die Unantastbarkeit des Korans an."
Nicht selbstverständlich: Mit dem Koran als unabänderlichem Wort Gottes ist er aufgewachsen. Sein Vater ist Imam in einem Dorf im Nil-Delta. Mit vier lernt er den Koran auswendig - für jeden Fehler gibt es Schläge.
Doch Hamed gelingt es, sich zu lösen, studiert in Kairo. Was bleibt, ist eine Sehnsucht, der Islam ist zu tief in ihm drin. An der Uni schließt er sich den "Muslimbrüdern" an. Bis es auf einer Exkursion zum Bruch kommt.
Hamed Abdel-Samad, Publizist
"Wir wanderten stundenlang in der Wüste, durch die Hitze. Jeder von uns hatte eine Orange mitbekommen und der Leiter der Gruppe bat uns, uns zu setzen und die Orange zu schälen. Ich weiß noch, wie ich mich auf die Frucht freute, doch dann sagte der Leiter, wir sollten die Frucht vergraben und die Schale essen. Und das hat mir wirklich weh getan, ich hatte das Gefühl, hier versucht jemand, meine Individualität zu brechen, meinen Willen zu brechen."
Mit 23 kommt Hamed Abdel-Samad nach Deutschland, beendet sein Studium, bleibt. Als in Ägypten die Revolution beginnt, fliegt er nach Kairo. Tagsüber steht er auf dem Tahrir-Platz. Abends erklärt er den Deutschen, was da passiert. Er ist jetzt ein Mittler zwischen den Welten. Doch es verbittert ihn, dass die neue Zivilgesellschaft nicht gelingen will. Nirgends auf der Welt kann er ein Modell für einen neuen, zeitgemäßen Islam erkennen. Noch immer sei es eine Religion, die auf blinden Gehorsam, unantastbare Führer, Allmachtsanspruch fuße.
Hamed Abdel-Samad, Publizist
"Viele Leute sagen mir, Faschismus ist ein moderner Begriff, man kann ihn nicht auf eine 1.400 Jahre alte Religion anwenden. Dann sage ich: Warum ist es aber umgekehrt möglich, dass Aussagen des Propheten zu Scharia und Dschihad - die sind ja 1400 Jahre alt - auf unser Leben heute übertragbar sind? Die politische und juristische Dimension einer Gesellschaft bestimmen?"
Hamed Abdel-Samad geht es um die Frage, wieviel Macht Religion über die Gesellschaft hat. Er will die Trennung von Staat und Kirche und schreckt dafür auch vor Reizworten wie "faschistoid" nicht zurück. Nimmt in Kauf, dass er auch die verprellt, die seiner Analyse grundsätzlich zustimmen.
Studentin
"Ich frage mich, was ist der Mehrwert ihrer Arbeit? Mit welcher Erkenntnis gehen wir hier raus?"
Hamed Abdel-Samad hat keine Lösung. Aber jedes Wort gegen die Macht des Islam war für ihn lange wie eine Befreiung. Und anders als seine Gegner kämpft er nur mit Worten.
Autor: Tim Evers








