- Kurt am Wittenbergplatz

Am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg machte der Regisseur Erwin Piscator in den 1920er Jahren das revolutionärste Theater in ganz Deutschland. In vielen Dingen war der Berliner Ortsteil seiner Zeit voraus - nicht nur als Kulturavantgarde- und schwuler Szenebezirk. Das zeigt jetzt eine neue Foto-Ausstellung.

Ein früher Morgen am Wittenbergplatz, aufgenommen vor fast hundert Jahren. Vergangener Alltag. Was dieses Dienstmädchen wohl auf dem Markt einkauft? Vielleicht hat dieser Junge ihr zugesehen. Sein Name steht auf dem Foto - und "Kurt am Wittenbergplatz" ist auch der Titel der Ausstellung. Filme und Fotos aus 140 Jahren Schöneberger Geschichte sind zu sehen, zusammengetragen aus Berliner Archiven.

Auch von André Kirchner sind Aufnahmen zu sehen. Seit fast 30 Jahren erkundet er seinen Bezirk.

André Kirchner, Fotograf
"Schöneberg ist auf jeden Fall Stadt genug, um Großstadt zu transportieren und trotzdem so vertraut, dass man sich wirklich Zuhause fühlt, also geradezu ein Heimatgefühl entwickeln kann."

Der Gasometer - eine Schöneberger Attraktion, Seite an Seite mit nüchternen Zweckbauten: André Kirchner fasziniert das Brachiale, auch die kühle Schönheit dieser Stadtlandschaften.

Wie Kurt diese Veränderungen in Schöneberg wohl gefallen haben? Er ist groß geworden zu einer Zeit, als es in Schöneberg noch Bauernhöfe gab, am oberen Ende der Hauptstraße zum Beispiel. Damals war der Kiez noch ein Dorf und klassisches Ausflugsziel. Andre Kirchner hält fest, wie der Alltag heute hier aussieht.

André Kirchner, Fotogaf
"Geschichte offenbart sich hier an jeder Ecke, also wir sind hier in dem Bereich, wo die Schöneberger Millionenbauern mal durch ihre Verkäufe von ihrem Land reich geworden sind. Damals, als Schöneberg zur Stadt wurde, deswegen sind hier auch so viele Lücken noch, weil die ihre einzelnen Villen hingestellt hatten. Manche von den Villen sind ja auch noch da. Aber das Spannende für mich, das sind die harten Brüche, die es hier einfach gibt."


Bald werden seine Fotos Vergangenes zeigen, Erinnerungen wachhalten. Ach ja: David Bowie hat mal ganz in der Nähe gewohnt, aber das übergeht die Ausstellung. Sie würdigt Alltagshelden: Straßenbauer am Innsbrucker Platz. Menschen, die die Stadt geprägt haben: Hausbesetzer und Hinterhof-Bauern, das war Schöneberg bis in die 80er.

André Kirchner, Fotograf

"Ich habe damals in einem besetzten Haus gelebt und gleich anschließend an unser Haus war der letzte im Berliner, West-Berliner Stadtgebiet verbliebene Kuhstall."


Frische Milch für die Schöneberger... was heute bizarr wirkt, war bis in die 80er Jahre ganz normal. Ein Bezirk vor dessen Rathaus Weltpolitik gemacht wurde.

John F. Kennedy (1963)
"Today, in the world of freeedom, the proudest post is: Ich bin ein Berliner."

Diese Aufnahmen sind inzwischen Weltdokumenten-Erbe. Auch Aufnahmen vom Beginn der Protestbewegung 1967 zeigt die Ausstellung. Schöneberger Geschichte, die eine ganze Gesellschaft verändert haben.

Und auch dass gehört zu Schöneberg: das homosexuelle Leben.

Peter Papenberg, Schöneberger

"Dadurch, dass Schöneberg ja wirklich einer der ältesten schwulen Bezirke Deutschlands ist, ist es auf der einen Seite natürlich gewachsen, auf der anderen Seite aber auch sehr fest gewachsen. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass das schwule Volk zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein will und muss, weil man sonst was verpasst. Das sind so Rituale."


Die Cafés und Bars der Schwulen Szene: Sie sind Teil des Ur-Schöneberger Lebens. Vor und nach der Verfolgung durch die Nazis.

Freigeistig, vielfältig, immer offen für Veränderungen: so ist Schöneberg traditionell und bis heute.


Autorin: Petra Dorrmann

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