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Der Jude Feiv'ke Schwarz aus Wilna wurde von den Nazis ermordet - das glaubt zumindest seine Schwester, die nach dem Krieg in Israel lebt. Doch in Wirklichkeit hat ihr Bruder das Konzentrationslager überlebt und später in Brandenburg unter neuem Namen eine Familie gegründet. Jahrzehnte später macht sich eine junge israelische Filmemacherin auf die Suche nach ihrem verloren geglaubten Großonkel.
Was wäre wenn? Gedankenspiele. Im brandenburgischen Schlieben erinnert ein schlichtes Grab an Peter Schwarz, der hier 1987 starb. Michla war Peters Schwester, die Familie lebte in Vilnius. Damals heißt Peter noch Feivush.
Fast die gesamte Familie kommt im Holocaust um - Michla und ihr Bruder überleben. Doch sie sehen sich nie wieder. Feivush lebt in Schlieben, Michla geht nach Israel. Ihre Enkelin kennt ihre Geschichten aus den dunklen Jahren, Yael Reuveny fühlt sich lange so, als habe sie ihre Geschichte geerbt.
Yael Reuveny, Regisseurin
"In Israel nehmen wir oft die Opferperspektive ein, wir sind weit weg. Es ist vielleicht einfach, aber es ist auch sehr statisch, es hilft nicht zu heilen. Das Trauma verlässt das System nicht, finde ich. Dorthin zu gehen und mir selber schwierige Fragen zu stellen, half mir zu verstehen, welchen Platz dieser Krieg noch in meinem Leben einnimmt."
Yael Reuveny versucht zu verstehen, warum der verschollen Geglaubte hier in Deutschland lebte. Sie trifft seine Schwägerin. Ein ganzes Leben fächert sich auf.
Filmszene aus "Schnee von gestern"
"Und das ist der Schwarz Peter. Das war sein letzter Geburtstag."
"Wussten Sie, dass er oben im Lager war?"
"Ja, das wussten wir. Aber das war für uns tabu. Peter wollte nicht, dass darüber gesprochen wird und das haben wir alle akzeptiert."
Die ehemaligen Baracken des KZ-Außenlagers Schlieben sind heute Wohnhäuser. Panzerfäuste wurden hier hergestellt. Feivush Schwarz wurde aus Buchenwald hierher gebracht und überlebte - nach dem Krieg blieb er, in direkter Nachbarschaft des Lagers und der Täter. Wie war das möglich?
Yael Reuveny, Regisseurin
"Er ist am Ort des Verbrechens geblieben. Er war der letzte Überlebende, lebte sozusagen wie der letzte Jude auf Erden. Vielleicht lag darin eine Befreiung. Vielleicht hat ihm das geholfen, ein glücklicherer Mensch als meine Großmutter zu werden, denn sie war kein glücklicher Mensch."
Feivush nennt sich Peter, gründet eine Familie, hat drei Kinder. Uwe ist der Sohn von Peter Schwarz. Über die Vergangenheit haben die beiden kaum gesprochen.
Was wäre wenn? 1945 verschlagen die Kriegswirren Peter und seine Schwester nach Lodz. Ein Bekannter will sie zusammenbringen. Doch ein Treffen am Bahnhof scheitert - Peter kommt nicht. Warum trafen sich die beiden nicht? Dachten beide, der andere sei tot? Yael und Uwe fahren nach Vilnius, wo die Familie vor dem Krieg lebte. Viele Fragen bleiben offen, doch nun werden sie gestellt.
Schon 1995 hatte Uwe einmal Kontakt mit Yaels Familie aufgenommen, nach Peters Tod war er dessen Geschichte nachgegangen. Doch Michla, Yaels Großmutter reagierte brüsk.
Filmszene aus "Schnee von gestern"
"Sie fragte: Hat er eine deutsche Nichtjüdin geheiratet?"
"Ich sagte: Ja. Und dann sagte sie: Dann will ich nichts davon wissen."
Hätte sie Peter verzeihen können? Dem Bruder, der bei den Tätern blieb? Als Steine von Peters Grab in Schlieben auf Michlas Grab gelegt werden sollen, zögert Yaels Mutter. Verschämt legt sie sie schließlich an die Seite.
Yael Reuveny, Regisseurin
"Ein paar Fragen sind aus dem Weg geräumt worden. Die Frage des Vergebens zum Beispiel, die für meine Mutter so wichtig war. Haben wir das Recht zu vergeben? Mir ist klar geworden, dass es nicht an mir ist, zu vergeben. Ich habe nicht das Recht und nicht die Absicht. Hier ist auch niemand, dem ich vergeben könnte. Um all das geht es nicht. Ich muss für mich nur eine Normalität finden, mit all dem umzugehen, was ich geerbt habe. Und das ist geschehen."
Am Ende besuchen Yaels Eltern sie in Deutschland, dem Land, in das sie sonst wohl nie einen Fuß gesetzt hätten. Wie beeinflusst die Geschichte die nächsten Generationen? "Schnee von gestern" ist all das noch lange nicht.
Autor: Steffen Prell








