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Immer wieder setzt sich Ai Weiwei mit der chinesischen Geschichte und Politik auseinander – und mit seiner eigenen Situation. Die Regierung seines Landes hatte ihn ohne Angabe von Gründen für Monate ins Gefängnis gesperrt, sie überwacht ihn rund um die Uhr - und hat ihn auch zur Eröffnung seiner umfangreichsten Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau nicht ausreisen lassen.
"Der Feind mit den 30 Katzen" - so nennt sich Ai Weiwei gelegentlich selbst, mit humorvollem Understatement. Der bekannteste Künstler Chinas in seinem Pekinger Atelier: Er provoziert eine gigantische Staatsmacht durch seine Haltung, mit seiner Kreativität. Aber wie hält er die Repressionen aus?
Ai Weiwei, Künstler
"Manchmal bin ich verzweifelt, hoffnungslos. Aber oft empfinde ich auch Freude. Und ich fühle, dass es die Mühe wert ist."
Nur seine Werke dürfen China verlassen: 6.000 antike Schemel - melancholisch, minimalistisch beklagen sie den Verlust traditioneller Werte in China. Seitdem Ai Weiwei offen verfolgt wird, ist seine Kunst zum medialen Großereignis mutiert.
Ai Weiwei, der politische Häftling. Mit einem Musikvideo und einer nachgebauten Zelle verarbeitet er die 81 Tage seiner Haft. Damals fürchtet er um sein Leben, noch immer denkt er, jedes Werk könnte sein letztes sein.
Jetzt, in Berlin, besucht sein Freund, der Schriftsteller Liao Yiwu die Ausstellung, die mit Überwachungskameras ausgestattete Zelle. Liao Yiwu lebt hier im Exil, vier Jahre war der Regimekritiker in China inhaftiert. Dieses Bett: da habe die Partei wohl die "Größe" Ai Weiweis gekannt, merkt er ironisch an. Sein Freund Ai Weiwei war zuvor geachtet, fast wie ein Staatskünstler - jedenfalls erscheint Liao Yiwu diese Zelle luxuriös.
Liao Yiwu, Schriftsteller
"Ich kann das gar nicht vergleichen, ich gehörte vergleichsweise einer räudigen Klasse an. Ich war zusammen mit Mördern und Schwerverbrechern in eine Zelle gepfercht. Später war ich mal in ähnlichen Zellen, aber wir waren zu dritt. Dieser Raum wirkt auf mich sehr fremd."
Spannender findet Liao Yiwu das Musikvideo über die Haft: genau so habe er es selbst erlebt. Im Text fordert Ai freie Meinungsäußerung und Menschenrechte ein. Deshalb, so erklärt Liao Yiwu, sei Ai Weiwei sehr beliebt beim chinesischen Volk - er sei der erste prominente Künstler, der sich gegen das Regime gestellt habe.
Die Haft als Thema seiner Kunst fesselt Ai Weiwei seitdem. Alles verarbeitet er postwendend. Er trotzt den Überwachungskameras, verziert sie mit Lampions. Humorvoll. Bissig. Selbstbewußt. Ai Weiwei braucht die internationale Aufmerksamkeit. Und er nutzt sie, um China zu verändern. So weit es in seiner Macht steht.
Ai Weiwei, Künstler
"Es braucht viele einzelne Menschen, die Verantwortung übernehmen, um eine Gesellschaft vorwärts zu bringen. Wenn der Einzelne keine Verantwortung übernimmt, wird es keine Veränderung geben. In China ist es Zeit für große Veränderungen."
Verantwortung übernehmen: Diese Haltung eint die beiden Künstler. Die Eisenstangen erinnern an das Erdbeben in Sichuan. Liao Yiwu hat dort Überlebende befragt und ein Buch geschrieben, Ai Weiwei hat die Katastrophe dokumentiert, die Namen der Toten veröffentlicht. Beide haben so die verhängte Nachrichtensperre unterlaufen. Gemeinsame Mitstreiter saßen, daran erinnert Liao Yiwu, bis vor Kurzem im Gefängnis.
Damals, 2008, kannte er Ai Weiwei noch nicht persönlich. Inzwischen haben sie engen Kontakt über das Internet. Sie diskutieren über Politik - nichts anderes erkennt Liao Yiwu in dem Eisengeflecht.
Liao Yiwu, Schriftsteller
"In meinen Augen sind das keine Kunstwerke, sie haben für mich nichts mit Ästhetik zu tun. Für mich dokumentieren sie Geschichte. So sehe ich auch mein Buch "Das Irrenhaus des Erdbebens". All das hier habe ich wirklich gesehen, genau so verformte Eisenstangen, mitten durch den Bauch durch, von zwei kleinen Mädchen beispielsweise. Oh ja, ich schätze diese Werke hier, aber ich würde auch sagen: die Wahrheit hat viel höheren Stellenwert als die Kunst."
Diese Metamorphosen, die Stangen aus Marmor sind ästhetisch. Wie ein Stachel der Wahrheit. Das bereichert diese Werke, sie sind eine Mahnung, die weltweit ausgestellt wird.
Liao Yiwu kann uns jedoch nicht erklären, warum der Künstler, der hinter dieser Kritik steht, nicht ausreisen darf. Die chinesische Diktatur sei einfach nicht zu begreifen, schon gar nicht mit westlicher Logik.
Autorin: Petra Dorrmann







