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Der Schauspielerin Ursula Werner ist Starrummel völlig fremd. Sie will anständige Arbeit abliefern - das erzählt sie jetzt in ihren Erinnerungen. Und davon, wie es ein Mädchen aus einem Berliner Hinterhof auf den Roten Teppich der Filmfestspiele in Cannes geschafft hat.
Ursula Werner will ihren Bruder zum Interview mitbringen. Wilhelm ist anderthalb Jahre älter, ihr Vorbild und Beschützer. In der Rodenbergstraße wohnen sie in den späten Vierzigern. Der Vater Klempner, die Mutter Schneiderin. Nachkriegsmangel und Hinterhofromantik.
Ursula Werner, Schauspielerin
"Wir hatten immer Publikum fürs Kasperletheater und wir haben hier auch immer 'Vater, Mutter, Kind' gespielt. Haben uns dann mit Kreide was aufgemalt, Küche, Stube und sowas alles. Also wir haben hier unheimlich kreativ gelebt mit den Kindern."
Wilhelm Werner, Bruder
"Das ist das Schöne, wenn es ein Mädchen und ein Junge in der Familie ist. Es ist immer ein unheimlicher Ausgleich, man hat später keine Angst vor den Mädchen und sie hatte auch keine Angst vor den Jungen."
Willi nimmt sie mit ins Kino - für 25 Pfennig Ost in den Wedding. 1961 geht er in den Westen, später macht er Karriere in den USA, lebt in Australien und Südafrika. Auch davon erzählt sie: wie sie ihren Bruder über die Mauer hinweg nach vier Jahren zum ersten Mal wieder sieht.
Ursula Werner, Schauspielerin
"Fotos hast du gemacht. Wir sind denn dort stehen geblieben. Und dann haben wir meinen Bruder entdeckt. Und dann haben wir so ein bisschen gewunken. Ja, dann kam die Polizei, die Grenzpolizei, weil das ja nicht erlaubt war. 'Sie dürfen hier nicht stehen bleiben, gehen Sie weiter.' Und dann sind wir halt weiter gegangen und haben nur noch so..."
Lange könnte Ursula Werner Geschichten aus Prenzlauer Berg erzählen, vom Heiratsantrag in der Stargarder Straße, von Wendezeiten in der Gethsemanekirche. Zuerst lernt sie Möbeltischlerin, doch sie fängt Feuer fürs Schauspiel. Erste Erfahrungen im Arbeitertheater, Schauspielschule, erste Rollen beim Film.
Die Bühne ihrer Laufbahn ist das Gorki. 35 Jahre ist sie hier engagiert. Auch nach dem großen Umbruch kennt "Uschi", wie sie dort jeder nennt, fast alle - lauter geschätzte Kollegen.
Szene aus "Drei Schwestern" (1979)
"Die Haare so zu legen, das ist eine Kunst, die nicht jeder kann."
Das Ensembletheater alter Prägung ist ihr Ideal geblieben.
Ursula Werner, Schauspielerin
"Ensemble umfasste ja alles: die Werkstätten, die Verwaltung, die Bühnenarbeiter. Und man interessierte sich einfach: Was passiert an meinem Theater?"
Das heutige in den Klassikern suchen, von dem erzählen, was uns betrifft - die Arbeit mit Thomas Langhoff bleibt für Ursula Werner ein Höhepunkt. Die Mascha, ist ihre Lieblingsrolle, "die kleine Schwarze" in Tschechows "Drei Schwestern". Nach dieser Vorlage schreibt Volker Braun "Die Übergangsgesellschaft", sein Kommentar auf die marodierende DDR trifft 1988 einen Nerv.
Szene aus "Die Übergangsgesellschaft" (1988)
"Ich sehe einen heilen Menschen. Ich sehe ein warmes Land. Die Pinien duften, die Zikaden lärmen. Ein Land ohne Soldaten - oh, wie bin ich in Rom so froh."
Ursula Werner, Schauspielerin
"Das war natürlich sehr aufrührerisch. Und da haben Leute gestaunt, dass wir das machen dürfen. Ich hatte damals eine Regisseurin aus Prag, also eine Tschechin, die hat das Stück gesehen und weinte. Dann sagte sie: 'Das ist unglaublich, dass ihr das hier spielen könnt.'"
Eine Berliner Bühnengröße war sie immer - doch vor sechs Jahren gelingt ihr, mit 65 Jahren, noch einmal ein überragender Erfolg. "Wolke 9" von Andreas Dresen - dieser entwaffnend ehrliche Film über Liebes- und Lebenslust, die auch im Alter nicht enden, feiert seine Weltpremiere in Cannes an der Croisette.
Ursula Werner, Schauspielerin
"Der Gang, die Treppe hoch, das war auch schon schön. Aber als der Film gelaufen war, die Leute uns applaudierten, Standing Ovations, was nicht unbedingt in Cannes so alltäglich ist. Das war berauschend."
Eine Lola gibt es auch - und jetzt feiert Bruder Wilhelm mit.
Wilhelm Werner, Bruder
"Ich war die ganze Zeit ja nicht in Deutschland und habe jetzt mit einem Paukenschlag erlebt, wie meine Schwester großformatig an allen Kinos hing. Insbesondere am Zoopalast. Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein. Der Zoopalast, den wir von damals noch kannten. Der Zoopalast und die Schwester da drauf. Ganz toll."
"Immer geht's weiter" hat Ursula Werner ihr Buch genannt. Was wohl als nächstes geschieht? Willi wird auf jeden Fall dabei sein.
Autor: Steffen Prell







