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Das Filmfestival "Achtung Berlin" geht ins zehnte Jahr. Zum Jubiläum spendieren sich die Macher eine umfangreiche Berlin-Retrospektive, die zeigen soll, wie sich die Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten verändert und immer wieder neu erfunden hat.
Niemandsland, Brache, Baustelle. In den 90ern steckt Berlin im Übergang: von der Hauptstadt des Kalten Krieges zur Hauptstadt der Hedonisten. Und das sieht man auch im Film: Roh, laut, aggressiv - ein Ort der Verheißung mit einem hohen Risiko zu scheitern.
RP Kahl, Regisseur
"So viel intensives Leben habe ich seither nie mehr hingekriegt. Am Tag oder ab mittags gearbeitet bis spät in die Nacht und dann noch auf Partys gegangen ist, Leute getroffen, früh irgendwann kurz mal zu Hause, um die Wäsche zu wechseln und dann zum nächsten Energiepunkt geritten."
Inbegriff dieser Zeit in Berlin ist der Potsdamer Platz. Michael Kliers Film "Ostkreuz" spielt an diesem Nicht-Ort. Berlin 1990, Stunde Null. Laura Tonke, damals 15, wandelt durch einen modernen Trümmerfilm. Manchmal vermisst die West-Berlinerin diese Zeit.
Laura Tonke, Schauspielerin
"Mir hat es sehr gefallen, praktisch Deutschland im Jahre Null mitzuspielen. Ein anderes Null. Mitzuspielen, dieses Mädchen zu sein, das sehr verloren ist. Ich war weiterhin viel im Westen. Im gesicherten Westen. Der Osten war mir immer noch unheimlich. Und bin dann mit meiner Mutter - war ja noch 15 - mit meiner Mutter Stadtrundfahrten im Volvo nachts durch Ostberlin."
Michael Gwisdek bekommt für seine Rolle in "Nachtgestalten" bei der Berlinale den Silbernen Bären. Dabei hätte es den Film fast nicht gegeben. Sechs Jahre lang kämpft Regisseur Andreas Dresen um seinen Film zu finanzieren. In den 90ern gelten solche Filme ohne Beziehungsklamauk als Kassengift.
RP Kahl, Regisseur
"Das war die Zeit von den wirklich ödesten Komödien. Das Tollste, was man zustande brachte, war 'Der bewegte Mann'. Dadurch war auch so ein Freiraum geschaffen, dass auffiel, wenn man was anderes machte. Und dass man irgendwie auch sich gegen was auflehnen konnte."
Berlin beschert dem deutschen Film eine neue, realistische Ästhetik - und einen Aufbruch: Mit ihrem Mut, die Stadt und das Leben hier ungeschminkt und rau zu zeigen, gelingt es einigen Berliner Filmemachern, wieder Menschen in deutsche Autorenfilme zu locken. Eine halbe Million Besucher sehen "Das Leben ist eine Baustelle".
Jeder Film dieser Retrospektive weckt Nostalgie: Unsanierte Fassaden und Kopfsteinpflaster - eine Stadt, die längst glattgebügelt ist, die es so nicht mehr gibt.
Waltraud Ziervogel, Chefin der wohl bekanntesten Currybude der Republik, sieht sich selbst. In einem der letzten DEFA-Dokumentarfilme verdient sie ihre erste Westmark.
Waltraud Ziervogel, Imbissbudenbesitzerin
"Handgeld. Da spuckt man drauf. Bringt Glück."
"Hat es Glück gebracht?"
"Na ja, geht immer auf und ab - können uns nicht beklagen."
Die Retrospektive des "Achtung Berlin"-Festivals lädt ein, das Berlin-Gefühl der 90er wiederzuentdecken und sich zu erinnern, wie sehr Veränderung zu dieser Stadt gehört.
Autorin: Patricia Corniciuc








