-
Mit der Verhaftung 1974 endete das Doppelleben des Günter Guillaume. Vier Jahre war er Referent im Bundeskanzleramt und gleichzeitig "Kundschafter" des DDR-Geheimdienstes. Die Affäre "G." war der Anlass zum Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt. Eine ARD-Doku erzählt diese deutsch-deutsche Geschichte aus der Zeit des Kalten Kriegs.
24. April 1974, Bonn, Bad Godesberg. Um 6.32 Uhr klingeln Beamte des Bundeskriminalamtes an der Wohnungstür des Kanzlerreferenten Günter Guillaume. Er wird verdächtigt, Spion der DDR zu sein. Die "Guillaume-Affäre" löst eine Regierungskrise aus. Sie ist der Anlass für den Rücktritt von Willy Brandt.
Pierre Boom, Sohn von Günter Guillaume
"Willy Brandt hat mich zu einem politisch interessierten Menschen gemacht und dass der politische Vater Willy Brandt durch den persönlichen Vater Günter Guillaume gekippt, sozusagen aus dem Amt gestoßen wurde, das hat mich über den Rücktritt von Brandt an sich schon doppelt erschüttert, muss man schon sagen."
Pierre Boom ist 17, als er vom Doppelleben seiner Eltern erfährt. Günter und Christel Guillaume lernen sich Anfang der 50er Jahre im Ostberliner Friedenskomitee kennen. Beide sind für den "Weltfrieden und die Völkerverständigung". Aus Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit ideale Spione für den Westeinsatz. Der Auslandsnachrichtendienst der DDR braucht dringend Nachwuchs. Reihenweise waren Ost-Agenten durch westliche Geheimdienste enttarnt worden.
Werner Großmann, ehemals im Ministerium für Staatssicherheit
"Der ist angesprochen worden schon mit dem Blick, ihn möglicherweise in die Bundesrepublik zu übersiedeln und so ist er dann auch befragt worden, und er hat sein Einverständnis erklärt."
Als Republikflüchtlinge getarnt erreichen die Guillaumes am 13. Mai 1956 Frankfurt am Main. Ihr Auftrag: Sie sollen künftig die Sozialdemokraten ausspionieren.
Christel Guillaume (1982)
"Als ersten Stützpunkt in unserer so genannten neuen Heimat erwarben wir unter dem Namen meiner Mutter ein kleines Tabakwarengeschäft."
"Boom am Dom", gesponsert mit 10.000 D-Mark Startkapital vom MfS. Der Tabakladen wird Informationsbörse und Treffpunkt für Kuriere. Unauffällig wechseln fotografierte Dokumente und Berichte in Zigarrenschachteln verpackt den Besitzer. Ein Jahr lassen die Guillaumes verstreichen bis sie 1957 weisungsgemäß in die SPD eintreten.
Armin Clauss, Hessische SPD
"Ein großer Intellektueller war der nicht. Wenn es darum ging, große Grundsatzdebatten zu machen, daran hat er sich nicht beteiligt. Es war so eine Betriebsnudel. Der hat dafür gesorgt, dass der Kaffee warm war und dass viel Flaschenbier da war, wenn die Sitzung lange gedauert hat, das auch gekühlt war und hat dann fleißig Protokoll geführt. Also, er war Diener seiner Herren."
Aufträge aus der "Zentrale" in Ostberlin erreichen Guillaume über den Drahtfunk. Das MfS interessieren Entscheidungsprozesse innerhalb der SPD, Fraktionsbildungen und Dissonanzen. Niemand vermutet hinter der Fassade der gutbürgerlichen Familie ein Agentenpaar.
Armin Clauss, Hessische SPD
"Er hat sich auch immer versucht, unmittelbar an den Menschen dran zu hängen, der Macht hatte, zum Beispiel den Schorsch Leber."
Guillaume setzt auf den "Eisernen Schorsch", Verkehrsminister in Bonn. Beide gehören zum rechten Flügel der SPD, beide sind bodenständige, hemdsärmelige Typen. Georg Leber protegiert Guillaume und verschafft ihm 1969 einen Posten im Bundeskanzleramt. "Der Kundschafter des Friedens" dient jetzt Willy Brandt, dem "Kanzler des Friedens". Für den Spion kein Widerspruch. Er ist ein Mann mit zwei Loyalitäten.
Egon Bahr, Politiker
"Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Guillaume in Wirklichkeit fasziniert war von diesem Menschen Willy Brandt. Und zunächst mal sich eingebildet hat, er tut etwas Gutes, wenn er berichtet, dass dieser Brandt wirklich kein bösartiger, sondern wirklich ein Mensch war, der Entspannung wollte. Er begann innerlich die Front zu wechseln."
Vier Jahre bleibt Guillaume die Spitzenquelle des MfS im Bundeskanzleramt, dann fliegt er auf. Sein Name taucht im Zusammenhang mit anderen Spionagefällen auf, abgefangene Funksprüche des MfS weisen auf ihn hin. Nach einem spektakulären Prozess werden die Guillaumes zu 13 Jahren und acht Jahren Gefängnis verurteilt. Der Sohn hat den Eltern immer wieder Fragen gestellt, doch Antworten hat er von Ihnen nie bekommen.
Pierre Boom, Sohn von Günter Guillaume
"Hat es sich denn gelohnt? Wofür hast du das Ganze gemacht? Wofür hast du es auf dich genommen, wofür hast du es, habt ihr es der Familie zugemutet? Und dann fällt die ganz logische Frage für einen Sohn, wofür und warum hast du es mir selbst zugemutet? Diese Frage blieb und bleibt unbeantwortet."
1981 in die DDR zurückgekehrt, werden die Guillaumes mit Ehrungen überhäuft und gleichzeitig als "verbrannte Agenten" kalt gestellt. Sie lassen sich scheiden und legen beide den Namen Guillaume ab. Was bleibt ist die "Affäre Guillaume", einer der größten Politskandale der Bundesrepublik.
Autorin: Gabriele Denecke







