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Der Schweizer Autor Urs Faes erzählt in seinem neuen Roman eine wahre Liebesgeschichte: Für die beiden jüdischen Jugendlichen Ron und Lissy wird das Leben im Sommer 1938 in Deutschland immer schwieriger. Auf einem brandenburgischen Gutshof werden sie auf ihre Ausreise nach Israel vorbereitet - doch nur einer von ihnen wird die Ausreise schaffen.
Ein Liebespaar, fotografiert im Sommer 1938. Er kommt aus Hamburg, sie aus Wien. Begegnet sind sie sich in Brandenburg. Als der Schweizer Schriftsteller Urs Faes das Foto entdeckt, folgt er der Spur des Paars. Es wird eine Reise in ein wenig bekanntes Stück deutsch-jüdischer Geschichte.
Urs Faes, Schriftsteller
"Dieses Foto hat eine bestimmte Sogwirkung auf mich ausgeübt und plötzlich beim Recherchieren - was entdeckt man? Man entdeckt Landschaft aber vor allem, und das packt mich jedes Mal neu, entdeckt man Menschen. Menschen, die hier gelebt, gelitten haben, geliebt haben, versucht haben zu lieben. Und dann wird man plötzlich involviert in eine Geschichte, und um mich herum begannen sich, in meinem Kopf, in meinem Geist, Menschen zu bewegen und mich in diese Zeit zurückzuführen."
Sommer 1938, als das Jagdschlösschen Ahrensdorf, 30 Kilometer südlich von Berlin, eine Insel der Ausgestoßenen ist. Von den Nationalsozialisten geduldet, bereiteten sich 80 jüdische Mädchen und Jungen in Ahrensdorf auf ihre Ausreise nach Palästina vor. "Hachschara" heißen die "Auswanderungslehrgüter", finanziert von der Reichsvertretung der Juden.
Urs Faes, Schriftsteller
"Ich fand da plötzlich Tagebücher von den Jugendlichen, die da aufgeschrieben haben, wie sie den Tag bestritten, was ihre Hoffnungen, ihre Ängste, ihre Verzweiflungen, ihre Sorgen sind."
Die meist aus gutbürgerlichen Familien kommenden Jugendlichen lernen, wie man in Palästina, einem Land, das zum großen Teil aus Wüsten besteht, überleben kann. In Hitlers Vorstellung von der deutschen Jugend haben sie keinen Platz.
Original-Ton Adolf Hitler
"In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft, schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl."
Vor allem ohne jüdische Wurzeln. Die Ahrensdorfer Jungen und Mädchen tasten sich mühsam an eine neue Identität heran. Die Lebensbedingungen sind spartanisch, die Glücksmomente rar.
Urs Faes, Schriftsteller
"Dieses zusammen etwas machen, zusammen auch einen Widerstand leisten, hier ein Leben, einen Alltag, das ist ein Schlagwort gewesen, den Alltag halten. Also, diesen Alltag aufrechterhalten, selbst wenn die Motorräder der Gestapo hier durch die Allee dröhnen, wenn die Hitlerjugend aufmarschiert, den Moment leben und immer neu, sich auch eine Zuversicht abzuringen."
Der Verfolgung und Deportation zu entkommen. Zu denen zu gehören, die mit einem der begehrten Palästina-Zertifikate ausreisen können. Dafür arbeiten die Jugendlichen hart, erlernen Viehzucht und Ackerbau, eine ihnen fremde Sprache und Religion. Auch das Ahrensdorfer Liebespaar auf dem Foto hofft auf einen gemeinsamen Aufbruch in ein neues Leben.
Urs Faes recherchiert - die Romanze bleibt ohne Happy End.
Urs Faes, Schriftsteller
"Sie hat es geschafft, es gab da an dem Tor draußen einen Abschied. Sie hat ein Zertifikat bekommen und konnte ausreisen. Ihre Spur geht unterwegs, wie die von vielen anderen, verloren. Ich weiß nicht viel von ihr. Er blieb zurück."
Und wird 1943 nach Auschwitz deportiert. Das Lager überlebt er, die Todesmärsche nicht, erinnern sich Zeitzeugen in Israel. Urs Faes hat sie auf seiner Spurensuche nach der Geschichte des jungen Paars befragt.
Urs Faes, Schriftsteller
"Gerade die Zeitzeugen in Israel, die ich getroffen habe, die haben gesagt, es sind noch immer, das sind jetzt Ahrensdorfer gewesen, es sind noch immer so viele unerzählte Geschichten. Wir sind noch immer voller unerzählter Geschichten. Wir müssen erzählen, erzählen, erzählen. Das macht Vergangenes nicht vergangen, aber es lehrt uns, mit dem Unsagbaren und Unsäglichem ein Stück weit zu leben."
Anfangs wollte Urs Faes nur eine Episode schreiben, dann wird es ein Roman über einen "Sommer in Brandenburg". Er erzählt nicht, was wirklich gewesen war, sondern was gewesen sein könnte. Ein Plädoyer für die Liebe, die gerade in Zeiten des Schreckens beim Überleben hilft.
Autorin: Gabriele Denecke







